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Klassenstandpunkt #6

Posted: Juli 1st, 2015 | Author: | Filed under: Klassenstandpunkt | Kommentare deaktiviert für Klassenstandpunkt #6

Die gesamte Ausgabe als Download

THEORIE

Anmerkungen zum Studium einiger Schriften Mariáteguis

Wir halten es für geboten zunächst in das Thema einzuleiten und damit den Rahmen abzustecken innerhalb dessen wir die nachfolgenden Schriften Mariáteguis studieren sollten. Um diese Werke Mariáteguis zu verstehen, müssen wir uns an erster Stelle folgende Aussage von Karl Marx vergegenwärtigen: „… die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.“ (Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie)

Wenn Ideologie von uns verkörpert wird, wird sie durch uns zu einer materiellen Kraft. Das bedeutet die Aufgabe für jeden Einzelnen ist es, den Maoismus zu verkörpern und dafür Sorge zu tragen, dass er sich in anderen Genossen und in den Massen verkörpert. Das Problem hierbei ist nicht die formale Anerkennung und auch nicht das Verständnis, als formale Erkenntnis, dass diese Ideologie angewendet werden muss, sondern eben die VERKÖRPERUNG, genauer wie wir in uns die Ideologie des Proletariats verkörpern und wie wir die Kraft der Ideologie verstehen.

Daher erinnern wir an dieser Stelle an das Interviews mit dem Vorsitzenden Gonzalo, in dem er die christliche Redewendung „Der Mensch plant, aber Gott bestimmt.“ paraphrasiert. Für uns aber gibt es keinen Gott, für uns entscheidet das unsere internationale Klasse.

Die Rechte, die diese Opposition verkörpert, weiß, dass die Linke nicht von den Aufgaben lassen kann. So überfordert die Rechte die Linke derart, dass die Linke alles machen muss, was natürlich nicht möglich ist. Die Intention dabei ist, nachher sagen zu können: Warum kritisiert mich die Linke, die konnte es doch selbst nicht leisten! Wir können uns jetzt keine höheren Aufgaben stellen. Wir dürfen nicht mit der alten Gesellschaft brechen. Wir bleiben in „der Normalität“. Und das führt uns zu der Frage des Studiums der Auszüge der Werke Mariáteguis.

Auszüge aus:

Josè Carlos Mariátegui

DIE MORGENSEELE UND ANDERE JAHRESZEITEN DES HEUTIGEN MENSCHEN

Zwei Auffassungen des Lebens, 1925

Alle die romantischen Energien des westlichen Menschen, betäubt von langen Glanzzeiten eines bequemen und fetten Frieden, wurden stürmisch und allmächtig wiedergeboren. Der Gewaltkult ist wiederauferstanden. Die russische Revolution bließ in die sozialistische Revolution einen kriegerischen und mystischen Geist ein. Und das bolschewistische Phänomen wurde gefolgt vom faschistischen Phänomen. Bolschewiken und Faschisten erschienen nicht wie die Vorkriegsrevolutionäre und -konservative. Denen fehlte der alte Aberglaube an den Fortschritt. Sie waren Zeugen, bewußte oder unbewusste, davon, dass der Krieg der Menschheit gezeigt hatte, dass Tatsachen entstehen, die größer sind als die Wissenschaft voraussehen konnte, und ebenso Tatsachen, die gegen die Interessen der Zivilisation stehen.

Die Bourgeoisie, erschreckt von der bolschewistischen Gewalt, apellierte an die faschistische Gewalt. Sie vertraute sehr wenig darauf, dass ihre legalen Kräfte sie gegen die Sturmangriffe der Revolution verteidigen würden. Mehr noch, Schritt für Schritt, entstand, später, in ihrem Geist die Nostalgie für die krasse Vorkriegsruhe. Dieses Leben von Hochspannung gefällt ihr nicht und erschöpft sie. Die alte sozialistische und Gewerkschaftsbürokratie teilen diese Nostalgie. Warum nicht zurück gehen – fragten sie sich – zur guten Vorkriegszeit? Ein gleiches Lebensgefühl anknüpfen und verbinden geistig diese Sektoren der Bourgeoisie und des Proletariats, die gemeinsam arbeiten, um gleichzeitig die bolschewistische Methode und die faschistische Methode zu disqualifizieren. In Italien hat diese Episode der gegenwärtigen Krise ihre klaren und präzisen Umrisse. Dort hat die alte bürgerliche Garde den Faschismus verlassen und hat sich auf das Terrain der Demokratie, mit der alten sozialistischen Gard, konzentriert. Das Programm all dieser Leute läßt sich in einem einzigen Wort kondensieren: Normalisierung. Die Normalisierung wird die Rückkehr zum ruhigen Leben, der Untergang oder das Begräbnis jedes Romantizismus, jedes Heroismus, jedes DonQuijoteismus von rechts und von links. Nichts vom Zurückgehen mit den Faschisten zum Mittelalter. Nichts vom Vorwärtsgehen mit den Bolschewisten bis zu Utopia.

Die Revolutionäre, sowie die Faschisten, beschließen sich, für ihren Teil, gefährlich zu leben. In den Revolutionären, wie in den Faschisten, kommt analog ein romantischer Impuls, eine analoge Don-Quijotistische Gesinnung zum Ausdruck.

Die neue Menschheit, in ihren zwei antithesischen Ausdrücken, bestätigt eine neue Lebensintitution. Diese Lebensintitution taucht nicht nur in der bellizistischen Prosa der Politiker auf. In einer der Abschweifungen von Luis Bello finde ich diese Phrase: „Es passt Descartes zu korrigieren: Ich kämpfe, also bin ich.“ Die Korrektur ist in Wahrheit passend. Die philosophische Formel für eine rationalistische Zeit musste sein: „Ich denke, also bin ich.“ Aber zu dieser romantischen, revolutionären und don-quijotistischen Zeit, ist diese Formel nicht nützlich. Das Leben, mehr als Gedanken, will heute Aktion sein, das heißt Kampf. Der gegenwärtige Mensch braucht einen Glauben. Und der einzige Glaube, der sein tiefes Ich einnehmen kann, ist ein kämpferischer Glaube. Die Zeiten des süßen Lebens werden nicht zurückkommen, bis wer weiß wann. Das süße Vorkriegsleben erschuf nichts anderes als Skeptizismus und Nihilismus. Und aus der Krise dieses Skeptizismus und Nihilismus wird die ungeschliffene, die starke, die dringende Notwendigkeit eines Glaubens und eines Mythos, der die Menschen bewegt gefährlich zu leben.

Zeitlich bewegt sich dieser Text nach der Machteroberung durch die Faschisten in Italien im Jahr 1922, in der 1. Phase des Faschismus, nachdem sie aufgestanden sind, mit ihrer ganzen Rhetorik, die ganz anders war und wie sie da stehen. Man muss den Moment des Faschismus einschätzen – und das ist relevant – auch für den Vergleich mit dem Faschismus heute. Die heutigen Faschisten versuchen diese Haltung, dieses Gefühl der Revolution weiterzugeben. Das ganze Phänomen der „Autonomen Nationalisten“ und der „Nationalrevolutionäre“ ist vor diesem Hintergrund zu verstehen. Das ist nichts Neues in der Entwicklung der Geschichte.

Don Quijotes wird hier bildlich benutzt für einen heldenhaften Kampf gegen jede Chance, praktisch gegen die ganze Welt zu kämpfen. Im spanisch-sprachigen Raum kennen alle Cervantes und Don Quijote ist praktisch sein klassischstes Werk. Das hat diese Enorme Bedeutung in diesem Kulturkreis. Analog wäre das im deutschsprachigen Raum der Bezug auf Goethe und Faust.

Wir wiederholen: Es handelt sich hierbei um Auszüge. Wir haben versucht einige der wichtigsten Punkte, nicht alle der wichtigsten Punkte, hier zusammen zu stellen. Die Morgenseele ist kein zusammenhängendes Buch, sondern eine Zusammenstellung von Artikeln, die nach Mariáteguis Tod gemacht wurde. Die Werke Mariáteguis umfassen über 20 Bände. Das zeigt, bei einem Genossen der mit 35 Jahren gestorben ist, eine enorme Produktivität. Mariátegui ist der Gründer der Kommunistischen Partei Perus und der Gründer des Gewerkschaftsbundes des peruanischen Proletariats. Er war auch viel Jahre in Europa. Er war in Italien, er war in Frankreich und er war auch in Deutschland. Er hielt sich hauptsächlich in Italien auf und hat die, vielleicht beste, Analyse des Faschismus in Italien erstellt.

Er hat in „Die Morgenseele“ auch – nur um eine Vorstellung darüber zu bekommen, wie umfassend sein Werk ist – in dem Kapitel „Kriegsnovellen“, u.a. Analysen von Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“, der Werke von Leonhard Frank, Ernst Gläsers oder von „Der Streit um den Sergeanten Grischa“ von Arnold Zweig – also deutscher Zwischenkriegsliteratur – erstellt. Das sind die „Nebensachen“, mit denen sich Mariátegui beschäftigte und das zeigt den Umfang, den Reichtum Mariáteguis. Eine Sache, anhand der von unterschiedlichen Revisionisten massiv versucht wird Scharlatanerie mit ihm zu betreiben. Etwas, das teilweise vergleichbar ist mit dem, was Gramsci wiederfährt. Auch wenn Gramsci und Mariátegui bestimmte gemeinsame Punkt haben, so konnte sich Gramsci nicht soweit entwickeln wie José Carlos Mariátegui.

Wenn wir uns diese Situation, die hier beschrieben wird, auf unsere konkrete Realität anwenden, müssen wir auch verstehen, was das Gefühl unserer Zeit ist. Was die gesellschaftlich herrschende Stimmung ist. Die gesellschaftlich herrschende Stimmung muss die Stimmung von der herrschenden Klasse sein. Heute befinden wir uns in der strategischen Offensive der proletarischen Weltrevolution. Dieses Dokument hier wurde in der strategischen Defensive der proletarischen Weltrevolution geschrieben. Was versucht die Bourgeoise in einem imperialistischen Land wie Deutschland immer noch zu erreichen? Die Normalität. Die Normalität des Friedens und die Bequemlichkeit. Die Bequemlichkeit der Parasiten. Die Bequemlichkeit dieser imperialistischen Bourgeoise, die von der Ausbeutung der Arbeiterklasse und den Völkern der Welt lebt. Das ist offenbar für jeden Mensch, der etwas vom Marxismus, seiner Lehre über den Staate und des Verhältnis von Überbau und Basis verstanden hat.

Was auch für jeden klar sein muss, der „Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus“ studiert hat, ist die Frage, wie ein Teil dieser Gesellschaft, die Arbeiteraristokratie, von der Bourgeoisie gekauft wurde. Dieser Teil der Gesellschaft, der abhängig vom Imperialismus ist, will ebenfalls dieses bequeme Leben haben. Im jetzigen Moment, das kann sich morgen ändern, erleben wir keine revolutionären Krise in Deutschland. Wir erleben auch keine kraftvolle Entwicklung der revolutionären Situation, die das ganze Land und jeden Teil der Gesellschaft erreicht, in Deutschland. Wir erleben eine revolutionären Situation in sehr ungleicher Entwicklung: Große Teile der Gesellschaft können weiter so leben, wie es ist.

Nehmen wir das Beispiel eines Arbeiters in der Chemieindustrie. Der niedrigste Tarifvertrag, das niedrigste Einkommen, nach vier Jahren Ausbildung, als die niedrigste Ausbildung, liegt bei 2.400 € brutto pro Monat. Nach ein paar Jahren hast du 3.000 € pro Monat. Wenn du dazu verheiratet bist, Steuerklasse 3 hast und deine Frau mit Steuerklasse fünf ein paar Euro dazuverdient, was die normale Verteilung in einer patriarchalen Gesellschaft ist, hast du ein Netto-Einkommen nur vom Gehalt, also Lohn, das bei zweieinhalb tausend Euro liegt, mindestens. Da stirbst du nicht an Hunger. Sogar wenn du Harzt 4 hast, stirbst du nicht an Hunger, wenn du nicht ein besonderes (sogenanntes „psychologisches“) Problem hast. Die Konsequenz daraus ist, dass das was du haben willst, ist eine bessere Lage ist, aber du hast keinen Grund das aufs Spiel zusetzen, was du hast, wenn es da nicht andere Interessen, d.h. politische Interessen im Klassenkampf, gibt. Aber auf deine ökonomische Lage kommst du klar in dem System.

Betrachten wir die Bedeutung der chemischen Industrie und alles was damit zusammen hängt, dann sehen wir, dass es sich dabei um einen sehr wichtigen Teil des Proletariats in Deutschland handelt.

Darum ist diese bürgerliche Normalität und die Verteidigung dieses bürgerlichen Normalzustands für einen großen Teil der Arbeiterklasse in diesem Land, nicht zu sprechen von der Kleinbourgeoisie oder der Mittel- und Großbourgeoisie, etwas Erstrebenswertes. Trotzdem fahren hunderte, wenn nicht tausende, in dieser Gesellschaft geborenen Menschen ins Ausland, um dort zu sterben oder nehmen zumindest den Tod in Kauf.

Diese beiden Sachen kurz gegeneinander zu stellen zeigt, dass diese beiden Tendenzen in der deutschen Gesellschaft existieren. Der Drang zu einem gefährliches Leben, nicht irgendeine Gangsterromantik, wie sie in den USA versucht die revolutionäre Sprengkraft der Volkskultur in etwas für das System Ungefährliches abzuleiten, was die ganze Sache mit Gangster-Hip-Hop ist. Es geht um konkrete Tatsachen, was hier passiert und was uns allen bekannt ist. Das zeigt uns, als ein Ausdruck der ungleichen Entwicklung der revolutionären Situation von Vielen, dass es in der gesamten Gesellschaft, in der angeblich Normalität herrscht, wie Teile der Untersten nicht wie früher weiterleben wollen und den revolutionären Umsturz suchen.

Teile des Kleinbürgertums, Teile der Studenten, die ein Verständnis des Problems auf theoretischer Ebene haben, solidarisieren sich damit und stellen sich auf deren Seite. Mit der allgemeinen Agonie des Imperialismus, mit dem allgemeinen Untergang des Imperialismus wird sich diese Tendenz immer mehr verstärken. Und das entwickelt sich auch durch qualitativen Sprung. Wie wir es z.B. 2005 in Frankreich, den Kämpfen in England und in anderen Ländern gesehen haben.

Die Revolutionäre müssen verstehen, dass sie gegen die Normalisierung der Verhältnisse stehen, aber die Normalisierung und der Drang dazu das Vorherrschende in der Gesellschaft ist und wenn das die herrschende Ideologie in der Gesellschaft ist, dann wird innerhalb der ideologischen Entwicklung der Organisation und jedes Genossen der Widerspruch zwischen der Normalisierung und des gefährlichen Lebens auftreten. Die Linke in uns will das gefährliche Leben. Die Rechte will Normalisierung, will, dass alles bleibt wie es ist, dass alles bequem ist, dass alles einfach ist. Oft meckern Genossen darüber, dass sie müde sind, dass sie irgendwelche Probleme haben, dass sie ein bisschen krank sind? Dabei wird darauf gepocht, ein Anrecht darauf zu haben sich ein bisschen auszuruhen, ein wenig bequemer zu leben, auch mal Freizeit zu haben, persönliche Sachen machen zu wollen und, dass das doch nicht komisch sei, dieses und jenes unter diesen und jenen Bedingungen nicht leisten zu können und die Forderungen zu hoch seien. Dieses bequeme, fette Leben ist das, wovon man träumt, weil das das Bild ist, welches man von der Gesellschaft hat, weil das die vorherrschende Ideologie der Gesellschaft ist.

Dort greift dann die Reaktion von außen an und behauptet „Ihr seit doch Verrückte“. Aber genau das ist der Drang, der uns philosophisch, in der Weltanschauung, wie wir die Welt verstehen unterscheidet. Wir sagen: „Ich kämpfe also, bin ich“. Wir existieren nicht, wenn wir nicht kämpfen. Unser Leben hat überhaupt keinen Sinn, wenn wir nicht kämpfen. Das ist unsere Weltanschauung. Die Bourgeoisie kann vielleicht „denken und sein“. Aber sie gehören auch der Vergangenheit an. Wir gehören der Zukunft. Deswegen können wir nur existieren, wenn wir kämpfen. Jeder, der die Zukunft will, der mit dieser Gesellschaft brechen will, muss das auch so sehen.

Die Revolutionäre sind überhaupt nicht selbstironisch. Sie nehmen sich selbst ernst, denn sie nehmen ihren Kampf ernst. Das heißt nicht, dass sie keinen Spass haben oder keine Witze machen können. Das ist etwas anderes. Aber Revolutionäre sind sich selbst gegenüber nicht ironisch, denn sie sind keine Skeptiker, sind keine Nihilisten. Die Ironie ist eine Waffe gegen die Bourgeoisie. Sie sind aber nicht ironisch gegenüber dem Proletariat und dem Volk. Sie sind nicht diejenigen die sagen „Das geht nicht.“ Sie sind diejenigen, die sagen unser ganzes Leben hat keinen Sinn, wenn wir das nicht machen. „Verrückt“.

Was ist die Definition von verrückt? In diesem Falle, nicht der bürgerlichen Normalität entsprechend. Wenn die Reaktion über die Revolutionäre sagt, sie seien verrückt, dann sind die ganz gut. Sie leben anders. Sie wollen von dieser Normalität nichts haben und erwarten nichts von ihr. Deshalb spricht der Vorsitzende Gonzalo im Interview darüber mit dem alten Leben zu brechen. So brecht mit der Normalität und mit dem Alten, um zu rufen: Ich kämpfe, also bin ich!

Auszüge aus:

Josè Carlos Mariátegui

DIE MORGENSEELE UND ANDERE JAHRESZEITEN DES HEUTIGEN MENSCHEN

Der Mensch und der Mythos, 1925

Der westliche Mensch hat, seit einiger Zeit, an die Stelle der toten Götter die Vernunft und die Wissenschaft gestellt. Aber weder die Vernunft, noch die Wissenschaft kann ein Mythos sein. Weder die Vernunft, noch die Wissenschaft kann die Notwendigkeit des Unendlichen, das es im Menschen gibt, befriedigen. Die Vernunft selbst hat es auf sich genommen den Menschen zu zeigen, dass sie nicht genug für sie ist, dass nur der Mythos die wertvolle Kraft besitzt ihr tiefes Ich zu erfüllen.

Der Mythos bewegt den Menschen in der Geschichte. Ohne einen Mythos hat die Existenz des Menschen keinen geschichtlichen Sinn. Die Geschichte wird von denjenigen Menschen gemacht, die von einem höheren Glauben erfüllt und erleuchtet sind, von einer übermenschlichen Hoffnung; die übrigen Menschen sind der anonyme Chor des Drama. Die Krise der bürgerlichen Zivilisation wurde offenbar in dem Augenblick als diese Zivilisation konstatierte, dass ihr ein Mythos fehlte.

Die bürgerliche Zivilisation ist in Skeptizismus verfallen.

Die gegenwärtige Philosophie hat das mittelmäßige positivistische Gebäude weggefegt.

Sie hat die bescheidene Begrenzungen der Vernunft geklärt und demarkiert. Und sie hat die aktuellen Theorien von dem Mythos und der Aktion formuliert. Laut diesen Theorien ist es sinnlos eine absolute Wahrheit zu suchen. Die Wahrheit von heute sei nicht die Wahrheit von morgen. Die Wahrheit sei nur für eine Epoche gültig. Geben wir uns zufrieden mit einer relativen Wahrheit. Aber diese relativistische Sprache ist nicht zugänglich, nicht verständlich für die breiten Massen. Die breiten Massen sind nicht so spitzfindig. Der Mensch widersetzt sich einer Wahrheit zu folgen, solange er nicht glaubt, dass sie absolut und die höchste ist. Es ist nutzlos ihm die Exzellenz des Glauben, des Mythos, der Aktion zu empfehlen. Man muss ihm einen Glauben, einen Mythos, eine Aktion unter Beweis stellen. Wo findet man den Mythos, der fähig ist geistlich die Ordnung, die den Kopf verloren hat, wieder zu beleben?

Die Frage lässt die intellektuelle Anarchie verzweifeln, die geistliche Anarchie der bürgerlichen Zivilisation. Eine Seele ringt um die Restauration des Mittelalters und des katholischen Ideals. Andere arbeiten für die Rückkehr der Renaissance und des klassischen Ideals. … Aber alle diese Versuche vergangene Mythen wieder zu beleben resultieren, immer, im Misserfolg. Jede Epoche will eine eigene Intitution der Welt haben. Nichts ist steriler als das Versuchen einen ausgestorbenen Mythos wiederzubeleben.

Was am meisten deutlich und klar die Bourgeoisie und das Proletariat unterscheiden ist der Mythos. Die Bourgeoisie hat keinen Mythos mehr. Sie ist ungläubig, skeptisch, nihilistisch, geworden. Der liberale Renaissancen-Mythos ist sehr in die Jahre gekommen. Das Proletariat hat einen Mythos: Die soziale Revolution. Auf diesen Mythos hin bewegt es sich mit einem vehementen und aktiven Glaube. Die Bourgeoise negiert; das Proletariat bestätigt. Die bürgerliche Intelligenz unterhält sich mit einer rationalistischen Kritik an der Methode, der Theorie, von der Technik des Revolutionären. Welches Unverständnis! Die Stärke des Revolutionärs liegt nicht in seiner Wissenschaft; sie liegt in seinem Glauben, in seiner Passion, in seinem Willen. Das ist eine religiöse, mystische, geistliche Kraft. Ist die Kraft des Mythos. Die revolutionären Gefühle als ich einen Artikel über Gandhi schrieb, ist ein religiöses Gefühl. Die religiösen Beweggründe haben sich vom Himmel zur Erde umgesiedelt. Sie sind nicht göttlich; sie sind menschlich, sie sind gesellschaftlich.

Die gleiche Philosophie, die uns die Notwendigkeit des Mythos und des Glaubens lehrt, ist im Allgemeinen unfähig den Glauben und den Mythos unserer Zeit zu verstehen. „Das Elend der Philosophie“, wie Marx sagte. Die Professionellen der Intelligenz werden nicht den Weg des Glaubens finden; die Massen werden den Weg finden. Es kommt auf die Philosophen zu, später, das Denken, das von dieser großen Heldentat der Massen kommt, zu kodifizieren. Wussten etwa die Philosophen der römischen Dekadenz die Sprache des Christentums zu verstehen? Die Philosophie der bürgerlichen Dekadenz kann kein besseres Schicksal ereilen.

Eine Frage die hierbei auftritt ist, ob der Islam ausgestorbener Mythos ist oder nicht und in der aktuellen Situation erscheint er kein tote Mythos zu sein. Das ist ein sehr zentraler Punkt von großer Relevanz, den wir in unserer Zeitung bereits behandelt haben. Das Problem der Salafisten. Nicht das Problem der Islamisten, sondern das Problem des Salafisten. Im Islam gibt es Sunniten, Schiiten und unter ihnen jede Menge Richtungen. Darum reden wir nicht über den Islam, sondern über den Salafismus. Die Rolle der Salafisten, ist die einer Wiederbelebung der Rolle des Islam, weil der Islam das alleine nicht schafft. Wir sehen das auch früher. Wirft man einen Blick auf die Iranische Revolution, so war auch das eine neue Erfindung. Das war nicht das, wie die Schiiten es immer gemacht haben. Es ist eine „neue Interpretation“ des Ayatollah Khomeini. Das ist ein neues politisiertes Verständnis von Schiiten, was für sie Islam ist. Wie wir schon im Herbst anmerkten kommt der Impuls zu dieser Bewegung vom US-Imperialismus. So ist der Salafismus ein Neuversuch dem Islam zum Leben zu bringen und diesen Mythos zu nutzen. Das muss man sehr deutlich sagen.

Was sagen auch die Salafisten? Sie sagen, alles nach dritten oder vierten Generation nach Mohammed war falsch. Sie behaupten, damit hätten sie nichts zu tun. Alles, was im Namen des Islam passiert ist, damit hätten sie nichts zu tun. Wir sind das Ursprüngliche, bedeutet sie berufen sich auf einen reinen Mythos. All der Schmutz der dem Islam anhaftet und ihn sozusagen kaputt gemacht hat, davon sagen sie: „Wir fegen das weg. Wir gehen zurück zum Ursprung. Wir sind rein. Der reine Islam.“ So erschaffen sie einen Moment der Wiederbelebung und können diesen Mythos benutzten, denn die Menschen suchen den Mythos in dieser Zeit der revolutionären Situation in der Welt in ungleichen Entwicklung. Auch in diesem Land, wo die Ausbeutung nicht von der Unterdrückung zu trennen ist. Auch das muss gesagt werden: Auch der Arbeiter 3.000 € verdient ist ausgebeutet. Er ist auch unterdrückt. Allerdings ist das nicht genug, um ihn der Revolution näher zu bringen.

Nun wird behauptet, der Kommunismus sei doch auch gestorben, der Kommunismus sei doch auch ein toter Mythos. Aber er ist es nicht. Das ist die Propaganda der Herrschenden. Hier ist er besiegt – zufällig. Aber wir wissen wo das lebt. Er lebt in den unterdrückten Ländern. Er lebt in den Volkskriegen. Er lebt in den Kämpfen der Völker der Welt. Es lebt in all den Menschen der Erde die die Rote Fahne erheben, wenn sie aufstehen. Da lebt dieser Mythos, sonst würden sie nicht diese Fahne tragen. Dieser Mythos lebt in Millionen und Abermillionen von Menschen. Und er wird leben, bis dieser Mythos zu einem Ende gekommen ist, und das ist im Kommunismus. Und er lebt in den Genossen. Das Problem ist, das zu zeigen.

Marx und Engels benutzten sehr häufig das Christentum als Beispiel, aufgrund vieler Ursachen. Eine davon ist, dass es eine kulturelle Referenz war, die jeder in ihrem Publikum direkt verstehen konnte, weil jeder christlich geschult war und zwar auf eine ganz andere Art und Weise als bei vielen anderen Dingen. Aber auch, weil das Christentum um das Jahr 0 herum geboren wurde (sie haben sogar die „Frechheit“ eine ganz neue Zeitrechnung einzuführen) und im Jahre 380 römische Staatsreligion wurde. Der Logik folgend muss, wenn der Kommunismus heute eine tote Ideologie sei, auch das Christentum im Jahr 380 eine tote Religion, ein toter Mythos sein. Das ist eine ahistorische Argumentation, die sie versuchen uns in die Köpfe zu drücken. Das hat überhaupt nichts mit dem geschichtlichen Entwicklungsprozess zu tun, aber sie versuchen das zu vermitteln. Sie versuchen ihre These des Skeptizismus, an allem zu zweifeln, und den Nihilismus, nieder mit allem, alles ist schlecht, zu verbreiten. „Weg mit allen Schubladen-Ideologien“, um eine Berliner Erklärung zu zitieren. Das ist es, was sie sagen.

„Gut Idee, aber das geht nicht.“ Kann man mehr skeptisch sein? „Ja, ich will, aber es geht nicht“. Kann man einen deutlicheren Ausdruck der Kapitulation zeigen? Das ist die Bourgeoisie und das spielt in der Dynamik der Revolutionäre eine Rolle. Diese Ideen sind in den Köpfen, sie kommen in die Köpfe. Wenn die Revolutionäre nicht glauben, wenn sie nicht überzeugt sind, wie sollten sie andere überzeugen? Wie sollten sie den Massen den Marxismus bzw. der Arbeiterklasse den Sozialismus von außen bringen, um mit Lenin zu sprechen. Das heißt die Revolutionäre müssen Nihilismus und Skeptizismus hinwegfegen und verstehen was sagt Marx, dass die Ideologie eine materielle Kraft wird, wenn die Massen sie annehmen. Wenn die Massen überzeugt sind, wenn die Massen den Marxismus verkörpern, dann wird er eine materielle Kraft.

Hier kommt: „Der Mensch widersetzt sich einer Wahrheit zu folgen, solange er nicht glaubt, dass sie absolut und die höchste ist. Es ist nutzlos ihm die Exzellenz des Glauben, des Mythos, der Aktion zu empfehlen. Man muss ihm einen Glauben, einen Mythos, eine Aktion unter Beweis stellen.“ Wenn du auf einer Demonstration da stehst und dir die Schläge der Bullen abholst, dann machst du auf eine sehr kleine und sehr bescheidene Art und Weise ein Martyrium. Du weißt, dass du „gekreuzigt“ wirst, aber du gehst da hin, weil du glaubst. Sonst gehst du da nicht hin. Die Anerkennung davon drückt sich auch darin aus, wenn die Leute dann sagen, „diese Typen sind verrückt“. Das Leben zu geben und Prügel zu bekommen ist was anderes, aber die Idee, die Grundeinstellung ist das Gleiche. Du stehst nicht da vorne und sagst dir „Hurra! Die Profitquote fällt!“ Nein, die Wissenschaft reicht nicht. Es ist Wissenschaft und ja, die Profitquote fällt, das ist wahr, aber das ist nicht das, was dich dazu bringt das zu tun. Es ist der Glaube, die Überzeugung. Es ist die Wahrheit, für die ich hier stehe. Ihr seit der Feind, wir sind die Guten und das ist auch gut so.

Die Bourgeoisie negiert, das Proletariat bestätigt. Einige sagen, über den bewaffneten Kampf zu sprechen sei Idiotie, d.h. den Kampf beginnen geht nicht. Die proletarischen Revolutionäre in Deutschland sagen, doch das ist die Perspektive. Klar! Vorwärts! Dieser Unterschied in der Haltung ist wichtig. Welche ist revolutionär? Diejenigen, die die Geschichte vorwärts treiben, die die Geschichte machen sagen: Ich mache das! Ich kann das! Wir schaffen das! Aber diejenigen, die die Gegenwart verteidigen wollen, die die Normalität behalten wollen, die das bequeme Leben behalten wollen, die sagen, es geht nicht.

Die Professionellen der Intelligenz werden nicht den Weg des Glaubens finden; die Massen werden den Weg finden. Es kommt auf die Philosophen zu, später, das Denken, das von dieser großen Heldentat der Massen kommt, zu kodifizieren.“ Warum hat der Kampf des internationalen Proletariats, der Kampf der Internationalen Kommunistischen Bewegung, der Kampf der Partei, der Kampf des peruanischen Proletariats und Volkes den Vorsitzenden Gonzalo hervorgebracht? Genau deswegen. Es wurde sich nicht der Weg der Gonzalo Gedanken ausgedacht und dann zu den Massen gegangen und gesagt: Macht das so und so. Die Gonzalo Gedanken sind durch den Kampf der Massen, durch den Kampf des Proletariats, durch den Kampf der Partei entstanden. Dadurch wurde dieser Führer vorwärtsgebracht. Wie kann es eine Sieggarantie geben, wie kann eine Führung entstehen, wie kann die Partei geschaffen werden, wie kann sich ein wegleitender Gedanke in diesem Land entwickeln, wenn wir den Kampf der Massen nicht mit diesem Glauben vorwärtstreiben.

Der Marxismus ist eine wissenschaftliche Ideologie, d.h. dieser Glaube, diese Überzeugung, die die Revolutionäre haben, entspringt der materiellen Grundlage. Das ist der Unterschied zum Idealismus. Unsere Ideologie basiert auf materialistischer Dialektik und historischem Materialismus. Was aber verstanden werden muss, ist, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Verständnis der Theorie und der Verwandlung zu materieller Kraft. Die materielle Grundlage macht den Unterschied zur Religion. Der Glaube der Revolutionäre entspricht der Wahrheit der Realität des Klassenkampfes der heutigen Gesellschaft. Es ist ein sozusagen ein wissenschaftlicher Glaube. Aber Wissenschaft allein ist nicht genug. Ein Mensch kann alle Bücher von Marx auswendig gelernt haben, ohne Marxist zu sein. Es kann sogar jemand von der Korrektheit all dessen überzeugt sein ohne einen Finger zu rühren. Wie viele von den Leuten, die früher gekämpft haben, sind bis heute überzeugt, dass der Marxismus richtig ist? Viele! Aber sie denken die Schlacht sei verloren. Sie reden davon, dass sie jung waren und an den Sieg glaubten. Nicht der Marxismus, sondern diese Leute sind es, die alt geworden sind. Sie haben den Marxismus nicht verkörpert.

Auszüge aus:

Josè Carlos Mariátegui

DIE MORGENSEELE UND ANDERE JAHRESZEITEN DES HEUTIGEN MENSCHEN

Das letzte Gefecht, 1925

Die Phrase des Lied Eugene Pottier nimmt eine geschichtliche Bedeutung an. „Auf zum letzten Gefecht.“

Das russische Proletariat begrüßt die Revolution mit diesem Ruf, er ist der ökumenische Ruf des Weltproletariats. Kriegs- und Hoffnungsruf der Massen, den Madeleine Marx in den Straßen Moskaus hörte und den ich in den Straßen von Rom, von Mailand, von Berlin, von Paris, von Wien und von Lima hörte. Das ganze Gefühl einer Epoche liegt in diesem. Die revolutionären Massen glauben, dass sie das letzte Gefecht auskämpfen.

Kämpfen sie das wirklich aus? Für die skeptischen Kreaturen der alten Ordnung ist dieses letzte Gefecht nur eine Illusion. Für die leidenschaftlichen Kämpfer der neuen Ordnung ist es eine Wirklichkeit. … Die letzte Strophe von Eugen Pottier ist gleichzeitig eine Realität und eine Illusion.

Es handelt sich tatsächlich um das letzte Gefecht einer Epoche und einer Klasse. Der Fortschritt – oder der menschliche Prozess – erfüllt sich durch Etappen. Folgend, hat die Menschheit in allen Zeiten die Notwendigkeit sich einem Ziel nah zu fühlen. Das Ziel von heute wird sicherlich nicht das Ziel von Morgen sein; aber für die menschliche Theorie in Bewegung, ist es das letzte Ziel. Das messianische Millenium wird niemals eintreten, der Mensch kommt an, um aufs Neue aufzubrechen. Er kann trotzdem nicht auf den Glauben verzichten, dass das neue Tageswerk das letzte Tageswerk ist. Keine Revolution sieht die Revolution voraus die nachher kommen wird, trotzdem es in seinem Inneren ihre Saat trägt. Für den Mensch als Subjekt der Geschichte, existiert nichts außer seiner eigenen persönlichen Realität. Ihn interessiert der Kampf nicht als Abstraktion, sondern sein konkreter Kampf. Das revolutionäre Proletariat, am Ende des Tages, lebt die Realität eines letzten Gefechts. Die Menschheit andererseits, aus einem abstrakten Gesichtspunkt, lebt die Illusion eines letzten Gefechts.

II

Die französische Revolution hatte die gleiche Idee um seine Bedeutung, ihre Menschen glaubten auch, dass sie eine neue Ära eröffneten. Der Konvent würde sich für immer in die Zeit einschreiben, der Beginn des republikanischen Jahrtausends. Sie glaubten, dass die christliche Ära und der gregorianische Kalender die Republik nicht aufhalten konnten. Die Hymne der Revolution begrüßte das Rot eines neuen Tages. „Le jour de gloire est arrive“ (der Tag des Ruhms ist gekommen; Anm. d. Übs.). Die individualistische und jakobinische Republik trat als der höchste Wunschschatz des Menschen auf. Die Revolution fühlte man definitiv und unübertrefflich. Das war das letzte Gefecht.

Das letzte Gefecht für die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Weniger als eineinhalb Jahrhunderte haben dazu gereicht, dass dieser Mythos alt geworden ist. Die Marsailles hat aufgehört ein revolutionäres Lied zu sein. Der „Tag des Ruhms“ hat sein übernatürliches Prestige verloren. Selbst die Drahtzieher der Demokratie zeigen sich enttäuscht von der Vortrefflichkeit des Parlaments und des allgemeinen Stimmrechts. In der Welt glüht eine andere Revolution. Ein kollektivistisches Regime ringt darum ein individualistisches Regime zu ersetzen. Die Revolutionäre des 20. Jahrhunderts machen sich bereit für ein summarisches Gericht über das Werk der Revolutionäre des 18. Jahrhunderts.

Die Illusion des letzten Gefechts ist also eine sehr alte und sehr moderne Illusion. Jedes zweite, dritte oder mehr Jahrhunderte tritt diese Illusion mit unterschiedlichem Namen wieder auf. Und bis jetzt ist es immer die Realität für ein unzählbares menschliches Verlangen. Es übernimmt die Menschen, um sie zu erneuern. Ist der Motor für alle Fortschritte. Es ist der Stern für alle Wiedergeburten. Wenn die große Illusion auseinander fällt ist es, weil eine neue menschliche Realität schon erschaffen wurde. Die Menschen ruhen sich dann von ihrer ewigen Unruhe aus. Ein romantischer Zyklus wird geschlossen und ein klassischer Zyklus wird eröffnet. Im klassischen Zyklus entwickelt sich, stilisiert und degeneriert, eine Form, die vollständig entwickelt nicht imstande sein wird die neue Lebenskräfte in sich zu behalten.

Nur in den Fällen in denen seine kreative Potenz sich verschwächt, zerfällt das schlafende, feststeckende Leben innerhalb einer rigiden und morschen Form. Aber diese Extasen der Völker oder der Gesellschaften sind nicht unbegrenzt. Die schläfrige Lagune, der ruhige Sumpf beginnt sich zu bewegen und überzuschwemmen. So holt das Leben seine Energie und Triebkraft zurück. Das gegenwärtige Indien, China und Türkei sind lebendige Beispiele für die Wiedergeburten. Der revolutionäre Mythos hat kraftvoll diese Völker im Kollaps gerüttelt und wiederbelebt. Der Osten erwacht zur Aktion. Die Illusion ist wiedergeboren in seiner tausendjährigen Seele.

Die Lebenstriebkraft des Menschen beantwortet alle Fragestellungen des Lebens vor der philosophischen Untersuchung. Der ungelernte Mensch kümmert sich nicht um die Relativität seines Mythos. Für ihn wäre es sogar nicht möglich es zu verstehen. Aber im Allgemeinen findet er, besser als der Gelehrte und der Philosoph, seinen eigenen Weg. Weil er handeln muss, handelt er. Weil er glauben muss, glaubt er. Weil er kämpfen muss, kämpft er. Er weiß nichts von der relativen Unbedeutsamkeit seiner Anstrengungen in Zeit und Raum. Sein Instinkt führt ihn weg von dem sterilen Zweifel. Er ist von nichts mehr ambitioniert wovon jeder Mensch ambitioniert sein kann und muss: Sein Tageswerk gut zu erfüllen.

Es gibt eine Periode in der die Bourgeoisie revolutionär ist. Doch dann hört sie auf revolutionär zu sein, ist teilweise revolutionär bzw. stabilisiert sich. Damit fängt ihre Dekadenz an, der Imperialismus. Wenn hier über den Stillstand im Zyklus gesprochen wird, ist der Punkt gemeint, wenn die Bourgeoisie aufhört revolutionär zu sein, wenn sie dekadent wird, wenn es nur noch darum geht die Herrschaft aufrecht zu erhalten, wenn es nur noch darum geht die eigene Macht zu erhalten, wenn sie reaktionär wird. Hier ist die romantische Periode die revolutionäre Periode und die klassische Periode ist die reaktionäre Periode.

Für den Mensch als Subjekt der Geschichte, existiert nichts außer seiner eigenen persönlichen Realität. Ihn interessiert der Kampf nicht als Abstraktion, sondern sein konkreter Kampf.“ Das bedeutet nicht, dass es für jeden einzelnen Menschen nicht mehr als seine persönliche Realität existiert, das wäre Individualismus. Was für die kämpfenden Menschen, das kämpfende Subjekt, also das Subjekt der Geschichte, existiert ist die Realität, die konkrete Realität. Davon muss man ausgehen. Hierbei geht es nicht darum, das perfekte theoretisch abstrakte Programm zu schreiben, sondern die Politik konkret zu formulieren. Konkret formulieren und sie so anzuwenden, das sie diesem Kampf dient, diesem konkreten Kampf, nicht der Abstraktion. Es geht nicht darum eine wissenschaftliche Abstraktion zu behandeln. Marx hat das etwas anders gesagt: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ Das ist also die marxsche Idee die Mariátegui anwendet.

Der ungelernte Mensch kümmert sich nicht um die Relativität seines Mythos. Für ihn wäre es sogar nicht möglich es zu verstehen. Aber im Allgemeinen findet er, besser als der Gelehrte und der Philosoph, seinen eigenen Weg. Weil er handeln muss, handelt er. Weil er glauben muss, glaubt er. Weil er kämpfen muss, kämpft er. Er weiß nichts von der relativen Unbedeutsamkeit seiner Anstrengungen in Zeit und Raum. Sein Instinkt führt ihn weg von dem sterilen Zweifel. Er ist von nichts mehr ambitioniert wovon jeder Mensch ambitioniert sein kann und muss: Sein Tageswerk gut zu erfüllen.“ Das hat natürlich damit zu tun, dass Lenin sagte, dass die Revolution nicht wegen eines guten Programms gewonnen wird, sondern weil Millionen Menschen lieber in der Revolution fallen als an Hunger zu sterben. Das ist, was die Menschen machen. Die Menschen werden ihren Weg finden. Die Massen werden ihren Weg finden. Und daran dürfen die Revolutionäre nicht zweifel. Das Problem ist es nicht zu sagen, wir kämpfen für die Massen, sondern die Massen werden die Lösungen finden. Was die Avantgarde zu erledigen hat, ist diesen Kampf anzuführen, diesen Kampf zu systematisieren und das Prinzip von den Massen zu den Massen anzuwenden. Die Massen werden uns die Antworten geben. Das Vertrauen, das Mariátegui in die Massen zeigt, ist das gleiche des Vorsitzendem Mao und des Vorsitzenden Gonzalo: Die Massen zeigen den Weg. Vertrauen wir in die Massen.

Auszüge aus:

Josè Carlos Mariátegui

DIE MORGENSEELE UND ANDERE JAHRESZEITEN DES HEUTIGEN MENSCHEN

Die Krise der Demokratie, 1925

Aber eine realisierte Idee ist nicht mehr gültig als Idee, sondern als Realisation. Die Form kann man nicht trennen, kann man sie nicht von ihrem Wesen isolieren. Die Form ist die realisierte Idee, die ausgeführte Idee, die materialisierte Idee. Die Idee zu differenzieren, unabhängig von der Form zu machen, ist eine Künstlichkeit, eine theoretische und dialektische Herkömmlichkeit. Es ist nicht möglich Abstand zu nehmen von dem Ausdruck der Körperlichkeit einer Idee, ohne Abstand von der Idee selbst. Die Form repräsentiert alles was das Bewegende der Idee praktisch und konkret wert ist. Wenn man die Geschichte von vorne anfangen könnte, würde man konstatieren können, dass die Wiederholung eines selben politischen Experiments immer die gleichen Konsequenzen haben würde. Kehrt die Idee zu ihrer Reinheit zurück, zu ihrer ursprünglichen Jungfräulichkeit, und zu den primitiven Bedingungen von Zeit und Ort, würde sie beim zweiten Mal nicht mehr ergeben als beim ersten. Eine politische Form macht, alles zusammen gerechnet, aus, das volle mögliche Resultat der Idee, die sie erschuf. Das ist so sicher, dass der Mensch praktisch in Religion und Politik, am Ende ignoriert was essentiell in seiner Kirche oder seiner Partei ist, um nur zu spüren was formal und körperlich ist.

Das gleiche passiert mit den Drahtziehern der Demokratie, die nicht glauben wollen, dass sie als Idee alt und verbraucht ist, sondern als Organismus. Was diese Politiker verteidigen, in Wirklichkeit, ist die vergängliche Form und nicht das unsterbliche Prinzip. Das Wort Demokratie dient nicht um die abstrakte Idee der reinen Demokratie zu beschrieben, sondern um den demo-liberale bürgerliche Staat zu beschreiben. Die Demokratie der gegenwärtigen Demokraten ist die kapitalistische Demokratie. Ist die Demokratie–Form und nicht die Demokratie–Idee.

Und diese Demokratie befindet sich in Dekadenz und Auflösung. Das Parlament ist das Organ, ist das Herz der Demokratie. Und das Parlament hat aufgehört seinem Zweck zu entsprechen und hat verloren seine Autorität und Funktion in dem demokratischen Organismus. Die Demokratie stirbt an Herzkrankheit.

Kann man für die Diktatur des Proletariats sein, ohne für die Sowjetunion zu sein? Man kann es nicht. Kann man für das Diktatur des Proletariats sein, ohne für den Sozialismus in China zu sein? Nein. Der Marxismus, die Idee der Diktatur des Proletariats, konkretisiert sich im Massenkampf. Dies war der Fall bei den Sowjets, die von der Kommune gelernt haben, die ebenfalls ein Ausdruck des Massenkampfes war. Genauso verhält es sich mit den Volkskomitees, den Organen der neuen Macht und den Stützpunktgebieten in China und später den Revolutionskomitees – das ist alles ein Ausdruck der Idee der Diktatur des Proletariats. Das ist die Konkretisierung der Idee der Diktatur des Proletariats. Keine Stellung zur Sowjetunion und zum sozialistischen China zu nehmen ist eine Negation des Wesens Idee der Diktatur des Proletariats selbst.

Aber Idee und Form sind nicht das gleiche. Die Revisionisten haben nach der Machtübernahme in der Sowjetunion und in China versucht die Form zu nutzen, jedoch mit einem anderen Inhalt. Darum hängt das Bild des Vorsitzenden Mao noch auf dem Tian‘anmen-Platz. Es gibt also eine offensichtliche Trennung. Jede Idee hat eine spezifische Form, die zu ihr gehört. Diese spezifische Form muss mit dem Inhalt übereinstimmen und vice versa. Es besteht eine dialektische Wechselwirkung zwischen den beiden. Die eine kann ohne die andere existieren. Aber das wahre Prinzip bringt auch eine wahre Form hervor. Wenn wir sagen der Marxismus-Leninismus-Maoismus ist korrekt, dann auch seine entsprechende Form. Ideologie ist Weltanschauung, Standpunkt und Methode und die Methode ist die Form. Die Form, wie man Dinge erledigt, wie man Treffen abhält, wie Organisationen aufgebaut werden. All diese Sachen entsprechen einer Idee und sind nicht umsonst so. Wofür gekämpft werden muss, ist, dass die Form der Idee treu bleibt und nicht nur Form bleibt. Es muss auch für die Form gekämpft werden, denn die Form ist nicht unwichtig. Zu sagen, die Form wäre unwichtig, bedeutet die Realisierung der Idee sei unwichtig und dann ist die Idee nur eine Abstraktion. Das ist Sophismus und hat nichts mit der Realität zu tun. Die Scharlatane mit ihrer Baukasten-Ideologie betreiben, wenn die sich mit der Diktatur des Proletariats beschäftigen, Sophismus, nichts anderes. Das sollen sie einmal erklären – vor den Massen im besonderen.

Auszüge aus:

Josè Carlos Mariátegui

DIE MORGENSEELE UND ANDERE JAHRESZEITEN DES HEUTIGEN MENSCHEN

Die Vorstellungskraft und der Fortschritt, 1924

Die Geschichte gibt immer das Recht den Menschen mit Vorstellungskraft. In Südamerika, z.B. haben wir gerade die Person und das Werk derer gefeiert, der die Revolution für die Unabhängigkeit bewegte und führte. Diese Männer erscheinen uns, mit gutem Gründen genial. Aber welches ist die erste Bedingung für ihre Genialität? Es ist, ohne Zweifel eine mächtige Vorstellungskraft. Die Befreier waren Große, weil sie vor allem vorstellungskraftvoll waren. Sie erhoben sich gegen die begrenzte Realität, gegen die imperfekte Realität ihrer Zeit.

Sie arbeiteten um eine neue Realität zu schaffen. Bolívar hatte futuristische Träume. Er dachte sich eine Konföderation von indo-spanischen Staaten. Ohne dieses Ideal ist es wahrscheinlich, dass Bolívar nicht gekommen wäre, um für unsere Unabhängigkeit zu kämpfen. Das Schicksal der Unabhängigkeit Perus war abhängig davon, am Ende des Tages, in großen Teilen von der vorstellungskraftvollen Fähigkeit des Befreiers. Wenn man das Jahrhundert eines Sieges von Ayacucho feiert, feiert man in Wirklichkeit das Jahrhundert des Sieges der Vorstellungskraft. Die einfache Wahrheit, die offenbare Wahrheit, in der Zeit der Revolution der Unabhängigkeit, war mit Sicherheit weder republikanisch, noch nationalistisch. Das Verdienst der Befreier besteht darin, dass sie eine potentielle Wirklichkeit gesehen haben, eine höhere Wirklichkeit, eine vorgestellte Wirklichkeit.

Das ist die Geschichte aller großen menschlichen Ereignisse. Der Fortschritt wurde immer von denjenigen mit Vorstellungskraft durchgeführt. Die Nachwelt hat ohne Unterschied sein Werk akzeptiert.

Auf der anderen Seite, ist die Vorstellungskraft, im Allgemeinen, weniger frei und weniger willkürlich, als man glaubt. Die arme wurde sehr diffamiert und sehr deformiert. Einige glauben sie sei mehr oder weniger verrückt; Andere sagen sie kenne keine Grenzen und sei sogar unendlich. In der Realität ist die Vorstellungskraft sehr bescheiden, wie alle menschlichen Dinge, hat die Vorstellungskraft auch ihre Grenzen. In allen Menschen, in den meist genialen, sowie in den meist idiotischen, ist sie bedingt durch Umstände von Zeit und Raum. Der menschliche Geist reagiert gegen die ungewisse Realität. Aber genau wenn er gegen die Realität reagiert ist es vielleicht, weil er am meisten von ihr abhängt. Er ringt, um zu verändern was er sieht und was er spürt, nicht was ihm nicht bekannt ist. Daher sind die einzigen Utopien, die gültig sind, die die man realistische nennen kann. Die Utopien die aus Inneren der Realität geboren wurden.

Man könnte sagen, dass der Mensch nicht voraussehen oder sich vorstellen kann, was nicht Form annimmt, in dem dunklen Inneren der Geschichte reift.

Die Idealisten müssen sich auf das konkrete Interesse einer umfassenden und bewussten sozialen Schicht stützen. Das Ideal hat keinen Erfolg, wenn es nicht ein breites Interesse repräsentiert, wenn es einen, alles zusammen gerechnet, nützlichen und dienlichen Charakter bekommt. Wenn sich eine soziale Klasse in Werkzeug für seine Verwirklichung verwandelt.

Die theoretische Arbeit, die aus der praktischen Realität herrührt, muss erneut in die Praxis umgesetzt und angewendet werden und dann muss diese Arbeit erneut erledigt werden. Das entspricht der marxistischen Erkenntnistheorie. Aber damit wir überhaupt dahin kommen, müssen wir auch den Mut haben theoretische Arbeit zu leisten. Wir müssen uns vorstellen, wie wir die Dinge erledigen können. Wir müssen schöpferisch sein. Es gibt kein fertiges Schemata. Es gibt fertige Prinzipien. Parteien haben eine fertige allgemeine Linie. Die anderen Sachen werden sich in der allgemeinen Praxis entwickeln. Aber man muss den Mut haben die Aufgaben theoretisch anzupacken. Es ist keine mathematische Formel, bei der man aus der Praxis die theoretische Antwort einfach ableiten kann. Es ist notwendig neue Lösungen zu entwickeln und das erfordert auch Vorstellungskraft. Die Antworten fallen nicht vom Himmel, sondern sind eine Synthese, die sich auf Basis der Praxis und den Erfahrungen die man hat entwickeln. Das erfordert Mut. Wieviel Mut hat die revolutionäre Bewegung in Deutschland in der letzten Zeit aufgebracht? Was wurde Neues erdacht? Was wurde Neues gemacht? Nicht viel, leider.

Man kann in diesem Moment der Revolution auch nicht sehr viel erwarten, aber um die Revolution überhaupt machen zu können, muss man den Mut haben neue Lösungen zu finden, neue Wege zu entdecken. Dafür braucht es Vorstellungskraft. Wie wird der Volkskrieg angewandt? Wie wird die Partei bewahrt? Wie wird sie intakt gehalten? Die Prinzipien müssen in neuen Lösungen Anwendung finden.

Sich hinzusetzen, die gleichen Texte zu lesen, die gleichen Grundkenntnisse zu erwerben, zusammen die Praxis zu betrachte und alle kommen zu den gleichen Schlussfolgerungen. So funktioniert das nicht. Das ist klar. Die Menschen sind unterschiedlich und spielen unterschiedliche Rollen. In unterschiedlichen Momenten und insgesamt. Wie schaffen wir das? Sicher nicht durch Träumereien von einer zukünftigen Gesellschaft. Wir können zwar Ideen dazu entwickeln, aber den Kommunismus werden wir uns niemals im Detail vorstellen können und das ist auch nicht unser hauptsächliches Problem. Was wir uns sehr klar vorstellen können, ist aber der Weg dahin, zumindest in groben Umrissen. Das können und das müssen wir uns vorstellen. Genauso die konkreten Schritte der revolutionären Praxis.

Bei der Vorstellungskraft geht es nicht um Träumereien, geht es nicht darum sich alte irische Lieder mit bewegenden Fotos und Videos anzuhören und von der eigenen Mobile Patrol zu phantasieren. Vielleicht gibt es in diesem Land auch mal eine Mobile Patrol, das wissen wir nicht. Aber das Problem ist die konkrete Lösung, sich vorzustellen, wie das alles umzusetzen ist. Am Beispiel: Wie besorgt man ein Auto, wo kann man es versteckt halten, wie kann man es raus bringen, damit herum fahren und es zurück bringen. Darum geht es und nicht wie geil man in Carmouflage, mit ner AK auf einem Jeep aussieht. Und je mehr sich die Arbeit entwickelt, desto mehr Vorstellungskraft braucht man, weil größere Probleme gelöst werden müssen, ohne Patentlösung zur Hand zu haben.

Diese Sache hat auch Relevanz für die eigene Entwicklung, in der man Sprünge machen muss. Diese Sprünge sind Sprünge ins Nichts. Aber wenn man sich nicht vorstellen kann, dass man auf der anderen Seite landet, dann macht man verdammt nochmal keinen Sprung. Man kann sich nicht wissenschaftlich erklären wo man landet. Das weiß man nicht genau. Man kann es sich vorstellen, aber das zu wissen ist unmöglich.

Auszüge aus:

Josè Carlos Mariátegui

DIE MORGENSEELE UND ANDERE JAHRESZEITEN DES HEUTIGEN MENSCHEN

Die Frage der Eliten, 1928

Die wahren Intellektuellen „Eliten“ wirkten auf die Geschichte die Bewusstheit einer Epoche revolutionierend. Das Wort muss Fleisch werden. Den geschichtlichen Wert der Ideen misst man an der Macht seiner Prinzipien oder Impulse zur Aktion. Hier gibt es etwas, das der trostlose Kritiker der Demokratie total zu vergessen scheint.

Es ist absurd von einem Drama der „Eliten“ zu reden. Eine „Elite“, mit welcher Mitgefühl verspürt wird, hört wegen dieser einzigen Tatsache auf eine „Elite“ zu sein. Für die Geschichte existieren keine „Eliten“ die übergangen werden. Die „Elite“ ist im Wesen schaffend.

Wegen offenbaren Ursachen ist die „Elite“ des Kapitalismus in der letzten Zeit hauptsächlich zusammengesetzt worden aus Chefs der Unternehmen, großen Händlern, Industriellen und Finanziers. Hat die Bourgeoisie in dieser Periode keine politische und intellektuelle „Elite“ gehabt? Ohne Zweifel, sie hat sie gehabt. Nur das, im dem der Grad der Dekadenz seiner Prinzipien und seines Geistes verstärkt wurde, man den Eindruck hat, dass es das Schicksal dieser „Elite“ ist den Sozialismus mit Intellektuellen und Politikern zu versorgen. Die Tatsache, dass viele der größten Staatsmänner des bürgerlichen Europa – Briand, Millerrand, Mussolini, Massaryk, Pilsudsky, Vandervelde, etc. – vom Sozialismus kommen, von den geistlichen Attraktion, die der Sozialismus auf die Männer der kleinen und mittlere Bourgeoisie mit größter politischer Empfindlichkeit ausübt, kommen. In den Ländern, in welchen das kapitalistische Phänomen nicht seine materielle und moralische Vollständigkeit erreicht hat, hat die Mehrheit dieser Männer sich unwiderstehlich getrieben gefühlt in die sozialistischen Reihen einzutreten, in welchen sie Mitglieder waren, mindestens temporär.

Es ist keine wahre „Elite“, die ihre Macht, einem Privileg, welches sie selbst nicht mit ihren eigenen Kräften erobert hat, verdankt. Die Ideologen der Reaktion, mehr von den Niederlagen des Proletariats als von den Siegen der Bourgeoisie in Westeuropa ermutigt, halten einen Militär oder einen Caudillo, egal wer seine Diktatur errichtet, bereit. Sie behalten für sich die Rolle, ihn zu beraten. Das disqualifiziert sie sehr als Männer der „Elite“, ein Titel der legitimer dem Auserwählten gehört, der sie zufällig möglicherweise zur Allmacht unter seiner Diktatur erhebt.

Für Romier y Johannet, wurde die proletarische Revolution, das Imperium der Massen, der Horde, der Anzahl und am Ende die Negierung jeder „Elite“.

Keiner dieser Kritiker kommt, selbstverständlich, darauf zu überlegen, dass die Revolution immer das Werk einer „Elite“ ist, einer Mannschaft, einer Phalanx von heroischen und überlegenen Menschen; sie würden auch nicht auf folgendes kommen, dass das Problem der „Elite“ auch als ein internes Problem des Proletariats existiert, mit dem Unterschied, dass dieses in seinem Kampf, in seinem Aufstieg, innerhalb einer mystischen und passionierten Umgebung, und mit der Suggestion von lebenden Mythen, seine führenden Kader schmiedet und formiert. Geschichtlich, gibt es viel mehr Möglichkeiten, dass das erschaffende Genie im Lager des Sozialismus als im Lager des Kapitalismus aufkommt, vor allem in den Ländern, wo der Kapitalismus nicht nur als geistliche Tatsache, sondern auch als materielle Tatsache, beendet scheint (beendet, trotzdem sie die politische Macht bewahren, aufgrund ihrer Möglichkeiten wirtschaftlichen Wachstums zu seinen Grenzen gekommen ist).

Keine ernste und wahre Kritik kann über die „Elite“-Qualität des Menschen der russischen Revolution schikanieren. Ein orthodoxer Bürger, der Senator De Monzie, hat diese ohne Vorbehalt anerkannt. „Die interne Disziplin ist so ungeschliffen,“ – schreibt De Monzie – „die Bestrafungen sind so gewaltsam, dass in der Wirklichkeit es keine bolschewistische Aristokratie gibt, d.h. eine „Elite“ die sich im Besitz von Privilegien konsolidiert hat. Und trotzdem findet man eine „Elite“. Das ist unbestreitbar. Die aufmerksamen Reisenden, die Russland nach der Revolution besucht haben, heben die Qualität dieser improvisierten Staatsmänner hervor, deren Mission es genau war einen Staat zu improvisieren. Autodidakten, formiert im langen Exil, durch die Erfahrungen der sozialistischen Kongresse, durch die Bekanntschaft mit den kosmopolitischen Intrigen und Bitterkeiten, sind mit einem einzigen Schlag an den Tag gekommen, nicht individuell, sondern kollektiv“. De Monzie erkennt an, dass er sie verflucht, „aber nicht ohne sie zu bewundern“.

Der Misserfolg der sozialistischen Offensive in Italien und Deutschland schuldet sich zu großen Teilen dem Mangel an einer soliden, revolutionären „Elite“. Die führenden Kader des italienischen Sozialismus waren keine Revolutionäre, sondern Reformisten, so wie die der deutschen Sozialdemokratie. Der kommunistische Kern war zusammengesetzt aus jungen Persönlichkeiten, ohne tiefen Einfluss auf die Massen. Für die Revolution kam die Anzahl, die Masse schnell; die Qualität war noch nicht vorhanden.

Die neuen „Eliten“ werden von der Seite kommen, von der man es unter den erklärten oder vermummten konservativen Intellektuellen nicht wünscht. Der Napoleon des Europas von Morgen, der den Kodex der neuen Gesellschaft durchsetzen wird, wird aus den Reihen des Sozialismus kommen. Weil es die Aufgabe der Zukunft ist diese Formel zu verwirklichen oder besser bestätigen: Revolution – Aristokratie.

Offenbar wird die proletarische Elite sich nicht auf Privilegien im negativen Sinne stützen. Aber es gibt keine wahre Elite, die ihre Macht, also ihr Privileg herrschende Klasse zu sein, sich nicht mit ihrer eigenen Kraft erobert, sich durch ihre Partei durchgesetzt, hat. Die Kernfrage ist die Frage der Elite und wie sich diese Elite, d.h. die Partei, die führenden Kader der Revolution schmiedet und formiert. Das heißt: „[…] dass dieses in seinem Kampf [also die Elite des Proletariats], in seinem Aufstieg, innerhalb einer mystischen und passionierten Umgebung, und mit der Suggestion von lebenden Mythen, seine führenden Kader schmiedet und formiert.“

Das ist etwas ganz anderes, als die Einstellung der Ultrademokraten, die besagt die Revolution brauche keine Elite, keine Führung. Das ist die Negierung der Partei. Was geschaffen werden muss ist ein solches Verständnis der Partei und der passionierten, mystischen Suggestion von lebenden Mythen. Das bedeutet nicht, dass eine Religiosität erfunden werden sollte. Es bedeutet eine Form, ein Gefühl und eine Passion zu erschaffen , in der dieser Glaube tatsächlich Realität ist. Die Formierung der Partei ist auch die Erschaffung eines Geistes der Partei, eines Gefühls der Partei, eines Verständnis der Partei und dass man die Partei schätzt. Genosse Stalin sagt: „… die Einheit unserer Partei wie unseren Augapfel zu hüten,“ Es gibt nichts wertvolleres als die Partei und es gibt keine menschliche Auszeichnung, die höher wäre, als Mitglied einer kommunistischen Partei zu sein. Nach Höherem kann ein Mensch nicht streben. Das ist einfach so.

Wenn wir dieses Gefühl schaffen und das Verständnis dafür, was es heißt, die organisierte Vortruppe des Proletariats zu stellen, dann verstehen wir auch, wie wir untereinander umgehen zu müssen. Dabei tragen die führenden Genossen besondere Verantwortung. Wenn die Führenden Genossen sich selbst vulgarisieren und banalisieren indem sie auf ihre lächerlichen persönlichen Problemchen zentrieren, dann machen sie alles zu nichte, denn wie sollten wir an banale Leute glauben. Es gibt offenbar Leute, die an Spongebob glauben. Sollen sie. Aber wir glauben nicht an banale Leute.

Dieser Umgang, diese Passion ist unmöglich zu erschaffen, wenn das nicht verdient ist. Es muss verdient werden. Eine Sache ist zu sagen wir sind die Vorhut des Proletariats. Eine andere Sache ist anerkannte Vorhut des Proletariats zu sein. Eine andere Sache ist, wenn das Proletariat das selbst erkennt. Das sind zwei total unterschiedliche Dinge. Das eine ist, was du objektiv bist. Von wie vielen Proletariern werden heute die am meisten fortgeschrittenen Genossen als solche anerkannt? Wahrscheinlich von nicht allzu vielen. Aber das ändert nicht der objektive Tatsache, dass sie es sind. Sie müssen den Kampf führen um die Anerkennung, um das Prestige in der Klasse und bei den Massen. Die Massen werden dem folgen, dem sie glauben können. Um glaubwürdig zu sein, brauchst du Prestige. Du musst durch Aktion den Glauben bestätigen. Du musst das zeigen, du musst das geben.

Wir müssen diesem Vertrauen, diesem Glauben auch gerecht werden. Sonst werden sie uns nicht folgen. Niemals. Darin liegt eine zentrale Problematik. Aber wenn man die Aufgaben nicht erfüllt, wenn man nicht zeigt, dass man Führer ist, dann wird man auch nicht von den Genossen als Führer anerkannt und wir brauchen anerkannte Führer. Führer, die ihre Aufgabe nicht erfüllen brauchen wir nicht. Einige Genossen sind dann eben zu einem bestimmten Zeitpunkt einfach nicht fähig. Dann müssen sie einen anderen Prozess durchlaufen, um hoffentlich in diese Lage zurückzukehren, wo sie die Aufgaben erfüllen können. Aber Führer, die kein Herz haben, Führer, die kein Interesse an den Aufgaben haben, Führer, die sich nur um ihren eigenen Kleinkram kümmern, das brauchen wir nicht. Daran haben wir überhaupt kein Interesse. Wir brauchen Leute die fest in Theorie und Praxis sind. Das Wort muss zur Tat werden. Solche Führer brauchen wir.

Schließlich wollen wir betonen, dass hiermit mit aller Deutlichkeit der Charakter Mariáteguis als großer Marxist-Leninist, als großer kommunistischer Führer gezeigt wurde. Seine prinzipielle Festigkeit und seine schaffende Anwendung der Prinzipien und das hier ist nur eine Bruchteil eines von vielen seiner Werke. Und wenn das theoretische Werk mit dem praktischen Werk der Gründung der kommunistischen Partei, die heute die Rote Fraktion innerhalb der Internationalen Kommunistischen Bewegung ist zusammen fällt und das bis zu einem Alter von 35, dann ist das äußerst bemerkenswert. Deswegen war es auch so wichtig, dass der Vorsitzende Gonzalo die KPP zurück auf den Weg Mariáteguis führte und den Weg Mariátegui auf eine höhere Stufe zu entwickeln.


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