Rote Post #49

Posted: April 9th, 2022 | Author: | Filed under: Rote Post | Kommentare deaktiviert für Rote Post #49

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BREMEN

Winterdienst – wenn weiße Weihnachten zum Albtraum werden

Die Wintermonate sind nun fast vorbei und damit endet auch endlich die wohl härteste Zeit des Jahres für uns Arbeiter bei Hirsch. Denn ein Winter mit Eis und Schnee, den sich so viele wünschen, heißt für uns vor allem eins: Winterdienst. Unzählige Überstunden und Doppelschichten und das auf Abruf, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Die Bremer Firma Hirsch ist mit über 100 Arbeitern einer der führenden Entsorgungsbetriebe Norddeutschlands mit den hauptsächlichen Arbeitsfeldern Recycling und Wertstoffhandel. Aber neben Gartenarbeiten und Gehwegreinigung bietet Hirsch auch weitere Arbeiten an, wie eben den Winterdienst.

Aber was ist der Winterdienst denn nun eigentlich genau? Tja, das haben wir auch erst erfahren, als der Winter kam, denn weder im Arbeitsvertrag, noch im Vorstellungsgespräch wurden wir darüber aufgeklärt, was alles hinter diesem Begriff steht. Klar, sonst hätte die Hälfte von uns wahrscheinlich auch nie unterschrieben. Aber mit dem ersten Frost haben wir schnell gelernt, worauf wir uns da eingelassen haben.

Grundsätzlich besteht die Arbeit im Winterdienst – wie der Name schon erahnen lässt – daraus, Gehwege und Straßen von Eis und Schnee zu befreien. Eine körperliche Arbeit, die über längere Zeit sehr anstrengend ist und genügend Zeit zur Regeneration erfordert. Aber da beginnt das ganze Problem. Denn für diese Arbeitseinsätze, die je nach Wetterlage so umfangreich sind wie ein normaler Vollzeitjob, ja sogar teilweise die gesetzlich erlaubten Arbeitszeiten von acht bis zehn Stunden täglich weit überschreiten, gibt es nicht einmal extra Arbeiter. Wir Arbeiter von der Garten- und Landschaftspflege und von der Gehwegreinigung müssen diese Arbeitseinsätze zusätzlich zu unseren regulären Schichten erledigen! Dabei ist es egal, ob direkt vor oder nach der Arbeit, mitten in der Nacht, an den gesetzlichen Feiertagen wie Weihnachten und Neujahr, oder während des Urlaubs. Im gesamten Zeitraum von Anfang November bis Ende April sind wir permanent in Rufbereitschaft, das heißt, wir müssen über das Handy erreichbar sein und zu jeder Tages- und Nachtzeit an dem entsprechenden Einsatzort antanzen, dazu hat man gerade einmal eine Stunde Zeit. Der einzige Weg, von der Rufbereitschaft befreit zu werden, ist ein Krankschreibung vom Arzt. Das bedeutet natürlich, dass, wenn man im Urlaub krank wird, man gleichzeitig Urlaubs- und Krankheitstage verliert.

Die Einsätze im Winterdienst werden kaum höher vergütet als die regulären Arbeitszeiten, und die Rufbereitschaft wird gar nicht bezahlt. Was wie ein schlechter Scherz klingt, ist jedoch wahr und rechtens, denn die Rufbereitschaft zählt, anders als der sogenannte „Bereitschaftsdienst“, rechtlich als Ruhezeit, und zwar allein dadurch, dass man gegenüber dem Bereitschaftsdienst 40 Minuten länger Zeit hat, um zum Einsatzort zu kommen. Aber diese 40 Minuten sind nicht geschenkt, denn während man im Bereitschaftsdienst jede Stunde voll ausgezahlt bekommen muss, gibt es für uns in Rufbereitschaft gar nichts. Laut Gesetz darf die Rufbereitschaft allerdings nur verpflichtend sein, wenn es eine explizite vertragliche Vereinbarung dazu gibt. In unseren Verträgen steht aber nichts von Rufbereitschaft, dort verpflichtet man sich lediglich zum „Winterdienst“, ohne darüber aufgeklärt zu werden, was das eigentlich ist. Die wenigsten kennen sich dann mit der Rechtslage genug aus, um auf dieser Grundlage die Rufbereitschaft zu verweigern, denn die Vorgesetzten stellen das Ganze natürlich so dar, als führte kein Weg daran vorbei. Und als Einzelner zu versuchen, diese unwürdigen Zustände anzufechten, bringt einem höchstens die Kündigung, denn irgendeinen Grund finden sie immer, um uns loszuwerden.

Aber damit noch nicht genug; es ist keine Seltenheit, bei einem Einsatz weit mehr als 12 Stunden draußen in der Kälte unterwegs zu sein, und natürlich wird von uns erwartet, dass wir am nächsten Morgen pünktlich wieder auf der Matte stehen. Die gesetzlich festgelegte Ruhepause von 11 Stunden, oder ein Ausgleich, falls diese unterbrochen wird, interessiert Hirsch einen Dreck. Denn mit dem Winterdienst machen sie einen riesigen Haufen Geld und wollen sich natürlich die Ausbeute nicht dadurch schmälern lassen, dass sie uns irgendwelche Rechte zugestehen.

Oft haben wir während dieser Monate kaum genug Zeit, um uns körperlich von den anstrengenden Schichten zu erholen und setzen unsere Gesundheit aufs Spiel, um unseren Job nicht zu verlieren. Auch ein soziales Leben findet in dieser Zeit praktisch nur unter Kollegen statt, mit der Familie zu Abend zu Essen oder sich auf ein Bier mit den Freunden zu treffen, ist kaum möglich. Die mentale Belastung, die die Rufbereitschaft mit sich bringt, kommt da natürlich noch oben drauf, denn an ruhigen Schlaf ist oft nicht zu denken und eine Zeit, in der man mal wirklich abschalten kann, gibt es auch nicht.

Aber da schert Hirsch sich natürlich wenig drum – solange man abliefert. Und wenn man schwächelt, gibt‘s von den Vorgesetzten einen auf den Deckel. Wir sollen jedes Jahr im Winter aufs Neue unsere Freizeit dafür opfern, bei den Bonzen Schnee zu schippen und bekommen im Gegenzug nicht mehr als einen Hungerlohn, während Hirsch sich mit unserer Arbeit eine goldene Nase verdient! Und natürlich betrifft das alles nicht nur uns Arbeiter bei Hirsch, der Winterdienst wird Arbeitern aus allen möglichen Betrieben in ganz Deutschland unter ähnlichen Bedingungen zusätzlich zu ihrem regulären Job aufgehalst. Tausende von Arbeitern werden jedes Jahr im Winterhalbjahr auf diese Weise ausgebeutet. Jedes Jahr aufs Neue werden wir unserer Rechte beraubt, um auch noch das letzte bisschen aus uns rauszuquetschen. Dabei wurden alle diese Rechte, wie zum Beispiel der Achtstundentag, von unseren Klassenbrüdern und -schwestern erkämpft. Sie werden uns immer wieder genommen, und wenn wir sie verteidigen wollen und darüber hinaus eine Verbesserung unserer Arbeits- und Lebensbedingungen wollen, müssen wir dafür ebenso kämpfen. Denn die Herrschenden werden uns freiwillig kein einziges Zugeständnis machen. Und die Angriffe auf unsere Rechte werden in diesem System immer und immer wieder kehren, solange es dieses gibt. Wenn wir uns von Ausbeutung und Unterdrückung befreien wollen, müssen wir alle zusammen dafür kämpfen, den Imperialismus zu zerschlagen! Wir Arbeiter sitzen alle im selben Boot, und die Bonzen sind diejenigen, die für unsere Ausbeutung Verantwortlich sind. Wir sind eine Klasse und es bringt uns nichts, uns gegenseitig beim Chef anzuschwärzen um einen winzigen Vorteil gegenüber den Anderen zu bekommen, oder unsere Wut aneinander auszulassen. Das Einzige, was uns stark genug macht, um eine Chance auf wirkliche Verbesserung zu bekommen, ist uns zusammenzuschließen und im Kampf gegen den Imperialismus zu organisieren.


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