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Rote Post #23

Posted: Mai 12th, 2020 | Author: | Filed under: Rote Post | Kommentare deaktiviert für Rote Post #23

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Bremen

NUR EINE LAST FÜR DIE GESELLSCHAFT?

Manchmal kann einem das Leben übel mit spielen, manchmal hat man Pech und wird so geboren. Fakt ist, dass es jeden von uns einfach treffen kann und sich der gesundheitliche Zustand auf einen Schlag erheblich verschlechtert; wie es danach geht, hängt so gut wie immer davon ab, welcher Klasse man angehört, was für ein soziales Umfeld man hat und wie dieses sich um einen kümmert. Der Titel lässt es schon vermuten: Es geht um Menschen, die mehr oder weniger plötzlich nicht mehr für sich selbst sorgen können.

So ging es z.B. auch A. (Name von der Redaktion abgekürzt). Seine Eltern sind als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen und haben A. und seine Geschwister auch hier aufgezogen. A. selber lebt seit über 40 Jahren im Bremer Osten und hat lange Zeit als Aushilfe bei einer Tischlerei gearbeitet, bis er vor gut Zehn Jahren mehrere Schlaganfälle erlitten hat. Jetzt sitzt er zur Hälfte gelähmt im Rollstuhl, kann nur noch einen Arm benutzen und auch das Sprechen bereitet ihm Probleme. Also ein ganz schöner Schicksalsschlag. Die Frage, wie es mit ihm weitergeht, entscheidet sich wie oft an seinem Geldbeutel und seiner Familie. Denn als Kind eines Gastarbeiters und als Helfer in einer Tischlerei ist dieser, wie der von den meisten von uns, nicht besonders gut gefüllt.
Mittlerweile lebt er alleine in einer Ein-Zimmer-Wohnung, die ihm das Amt bezahlt. Diese ist an sich schon in einer schlechten Verfassung. So gibt es z.B. nicht die Möglichkeit zu lüften, und der allgemeine Zustand ist runtergekommen, das zwischen der Bezeichnung Wohnung und der Bezeichnung Loch nur noch ein wenig guter Wille steht. Zu dem eh schon schlechten Zustand kommt noch, dass die Wohnung überhaupt nicht behindertengerecht ist. So hat A., der erwähnt im Rollstuhl sitzt, große Probleme, seine Wohnung eigenständig zu verlassen. Aber Halt zum Glück leben wir doch in Deutschland! Das ist doch bekanntermaßen ein Sozialstaat. Und wird doch auch immer gerne als Begründung genommen, warum es doch so gut ist, dass man einen erheblichen Teil seines Lohns abdrücken muss. Davon müsste A. doch jetzt profitieren.

Wie der Sozialstaat für unsere Klasse in Deutschland aussieht, vor allem, wenn man doch dazu kein „geborener Deutscher“ ist, zeigt sich am Fall A. Dreimal am Tag kommt eine gehetzte Pflegekraft vorbei schmeißt ihm seine Medikamente in die Wohnung, und zwei Mal in der Woche wird er mehr oder weniger gewaschen. Alle anderen Aufgaben, die anstehen, müssen seine Familie oder Freunde für ihn erledigen. Sei es das Wäschewaschen oder das Einkaufen gehen. Und nun ist es nicht so, dass A`s Familie den ganzen Tag Zeit hätte, um sich um A. zu kümmern. Schließlich müssen sie sich auch um ihre Kinder und ihren Haushalt kümmern und natürlich zur Arbeit gehen. Da ist so eine Nebenbeschäftigung als Pfleger alles andere als ein vergnügen. Deshalb bezahlt A. manchmal die Kinder aus der Nachbarschaft mit einen kleinen Taschengeld, damit sie ihn spazieren fahren oder kleine Einkäufe mit ihm erledigen.

Neuerdings ist noch dazu gekommen, dass A. immer öfter epileptische Anfälle bekommt, weshalb sein Bruder seit längerer Zeit versucht, ihn beim Pflegedienst in den höchsten Pflegegrad eintragen zu lassen. Das stößt bei A`s Krankenkasse natürlich auf Unwillen, und so legen sie allerhand Steine in den Weg, um dies zu boykottieren. Davpn hat AŽs Bruder jetzt genug und droht dem Pflegedienst, damit an die Öffentlichkeit zu gehen, wobei wir ihn natürlich unterstützen möchten.

Denn das Schicksal von A. kann jeden von uns treffen. Es geht uns natürlich nicht darum, den Pflegern vorzuwerfen, dass sie ihren Job nicht richtig machen, denn unsere Kollegen in der Pflege machen einen Knochenjob und viel zu viel Arbeit für viel zu wenig Geld. Es ist das System, das uns verelenden lässt und dafür sorgt, dass A. und viele andere leben müssen, wie er es tut. Dieser wäre laut seinen Aussagen „in seinen Loch vereckt“ hätte er keine Familie, die sich um ihn kümmert.

Denn im Imperialismus verkommt alles zu einem Geschäft. „Ohne Moos nichts los“ ist eine gängige Redewendung. So kommt es, dass gehandicapte Menschen, die nicht in vollem Umfang Herr ihres Geistes und/oder ihres Körpers sind, als Last empfunden werden. Sie sind eben nicht so produktiv, also sind sie auch weniger wert. Das ist Normalität in diesem menschenverachtenden System! Ein nützliches Zahnrad soll man für die Ausbeuter sein, sich lohnen für sie. Sie bestimmen, wann wie und zu welchen Bedingungen gearbeitet wird. Das ist die Diktatur der Bourgeoise!

Für Familien aus der Arbeiterklasse ist die Option dann meistens, ihr Familienmitglied privat zu pflegen, will man ihm doch ein würdevolles Leben bieten. Das kostet viel Geld und Zeit. Es gibt im Imperialismus keine kollektiven Lösungen, die ein würdevolles Leben in Teilhabe an der Gesellschaft für Patienten und eine gerechte Entlohnung für die Arbeiter und Arbeiterinnen in der Pflege vorsieht. Sich gemeinsam um Behinderte zu kümmern, ohne dass es eine Riesenlast ist, und sich sogar noch produktiv einzubinden – allen eine Arbeit zu geben – ist durchaus möglich. Aber eben nicht im Sinn und Zweck dieser Gesellschaft.
Bei den Pflegediensten kommt genau diese Wertvorstellung der Bonzen zum Ausdruck. Für einen Patienten mit Pflegegrad X wird eine Zeit von Y Stunden veranschlagt. Der persönliche Umgang mit einem Menschen gleicht einem Handgriff am Fließband, der am besten schnell unkompliziert abgewickelt werden muss. Für die Abfertigung des Patienten gibt es dann von den Krankenkassen eine bestimmte Summe Geld, und das ist schließlich das einzige was zählt. Die Kollegen in der Pflege, die mit Herz ihrer Tätigkeit nachgehen wollen, können vpr lauter Arbeit gar nicht anderes, als sich an diese Zeiten halten; unabhängig davon, ob sie noch gerne mehr für den Patienten tun wollen. Ob ein Patient noch 20 Minuten länger sozialen kontakt, ein nettes Gespräch oder ähnliches gebrauchen kann – sein Wohlbefinden ist überhaupt nicht entscheidend dafür, ob in dieser Gesellschaft der Bonzen ein Handschlag getan wird. So kommt es auch, dass es eine finanzielle Hürde ist, unseren Freund in einen höheren Pflegegrad einzustufen, und er seit mehreren Monaten auf seinen neuen Rollstuhl warten muss.

Natürlich unterstützen wir A. und seine Familie in ihrem Vorhaben, aber was nicht von der Hand zu weisen ist, ist dass – egal welche Pflegestufe A. hat – es in diesem System es nicht darum eght, dass er ein gutes Leben führen kann, denn wer keiner Lohnarbeit nachgehen kann, ist Kostenfaktor, und wer den Job hat sich um ihn zu kümmern wird nur bezahlt, um den Profit zu erwirtschafteten und hat weder die Kapazitäten, noch die Aufgabe, A. ein gutes Leben zu ermöglichen. Die einzige Möglichkeit für dieses gute Leben besteht dann, wenn wir dafür sorgen, dass gute Pflege nicht mehr an den Geldbeutel gebunden ist und nicht mehr an den Geldbeutel gebunden ist und nicht mehr Privatsache erklärt wird; wenn Fabriken uns gehören und die Häuser mit den Wohnungen noch dazu, und dafür brauchen wir Revolution. Denn was die Revolution beweisen wird, ist, dass wir selber darüber entscheiden könne, unter welchen Bedingungen Arbeit verrichtet wird. Wann zu welchem Zweck ein Handgriff getätigt wird, müssen wir kollektiv bestimmen. Es muss uns – dem Volk – dienen. Das ist die Diktatur des Proletariats! Dann können Fragen rund um das Eigentum ganz neu zugunsten der Massen beantwortet werden, und es kann eine kollektive Lösung für die Betreuung von behinderten geben. Jeder kann etwas zum gesellschaftlichen Wohlstand beitragen, ohne völlig monotone Arbeit verrichten zu müssen. Aber das müssen wir uns erkämpfen.


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