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Rote Post #12

Posted: Januar 1st, 2019 | Author: | Filed under: Rote Post | Kommentare deaktiviert für Rote Post #12


Die gesamte Ausgabe als Download

HAMBURG

Lieber Halal?

Ende vergangenen Jahres wurde in einem Arbeiterviertel im Hamburger Osten ein Flugblatt verteilt. Durch Zufall habe auch ich dieses Flugblatt in die Hände bekommen. Es beschäftigt sich mit einer durch und durch deutschen Misere.

Viele werden es mitbekommen haben, denn nahezu jede Zeitung in Hamburg und teilweise auch darüber hinaus hat darüber berichtet. In gewohnter Hetzmanier zerrissen sie sich das Maul über eine Schule in Billstedt.

Angeblich sollen Eltern an dieser Grundschule gefordert haben, dass ihre Kinder die Möglichkeit haben sollen sich nach ihren religiösen Vorschriften ernähren zu können. Angeblich soll es ähnliche Vorfälle auch an einem Gymnasium und einer Stadtteilschule bei uns im Viertel gegeben haben. Die Islamisierung des Abendlandes stand unmittelbar vor der Tür – sollte gefühlsmäßig vermittelt werden. Viele Leute hier waren extrem aufgeregt. Einige Deutsche sind sogar zur Polizei gelaufen, um Moslems wegen Terrorverdacht anzuzeigen.

Warum wird so ein Stress in unser Viertel getragen? Warum wird so eine Welle gemacht, nur weil ein paar Leute nicht mehr wollen, als sich entsprechend ihrer Vorstellungen zu ernähren? – so fragte das Flugblatt und das fragte auch ich mich.

Einige Deutsche hier fühlen sich ernsthaft „diskriminiert“, weil sie kein Schweinefleisch zu essen bekommen. Die sitzen da in der Mensa, wissen ihnen geht es um ein vielfaches besser als anderen, weil sie Deutsche sind und die anderen nicht, und trotzdem pöbeln sie. Beschweren sich, wie arm dran sie doch seien. Wohlgemerkt nur weil es einfach kein Schwein zum Essen gibt.

Rede ich mit ihnen, können sie kaum anders als einzusehen, dass es ihnen in Wahrheit nicht ums Schweinefleisch geht. Das ist nämlich nicht nur vollgepumpt mit Antibiotika, sondern der Schweinemist vergiftet auch noch das Grundwasser. Trotzdem wollen diese Deutschen sich aufregen. Aufregen über Halāl-Fleisch. Plötzlich sind sie Tierfreunde. Halāl-Fleisch ist Tierquälerei, weiß der informierte AfD-Wähler. Hat er sich einmal Gedanken gemacht über Massentierhaltung, das Amputieren der Ringelschwänzchen, Kastration der Eber ohne Betäubung? Egal! Auch wie das Grillhähnchen zustande kommt interessiert nicht. Denn der treue Deutsche weiß den hohen Herrn Schulsenator Rabe auf seiner Seite. Der Sozialdemokrat selbst hetzt gegen religiöse Menschen, die die Ge- und Verbote bezüglich des Essens befolgen.

Eigentlich wäre die Sache doch ganz einfach zu regeln, selbst unter den heutigen Voraussetzungen, ohne große Probleme. Das Kollektiv Rotes Hamburg, die das Flugblatt geschrieben haben, umreißt es kurz: „Die Stadt Hamburg könnte, wenn sie denn wollte, das Essen an der Schule selbst organisieren. Sie muss nicht irgendwelche Catering-Firmen beauftragen, die das Essen in die Schule liefern, wo es nur noch einmal aufgewärmt wird. Es könnte doch in den Kantinen der Schulen gekocht werden. Die Stadt muss genügend Küchen für die Schulen bauen, um dieses Essen zu kochen. Außerdem werden die Leute, die für die Catering-Firmen arbeiten, außerordentlich schlecht bezahlt. Im allgemeinen ist der Umgang mit ihnen durch bspw. die AWO oder Porschke ausgesprochen mies. Der Staat könnte das Kantinenpersonal, die Köche usw. doch selbst einstellen und wie jeden anderen Angestellten der Stadt festangestellt und nach Tariflohn beschäftigen. Dann wäre es auch überhaupt kein Problem, dass sich jedes Kind aussuchen könnte, was es gerne essen möchte und was es nicht essen will/kann/darf. Wer gerne Schweinefleisch essen will, der soll das doch machen. Wer Halāl essen möchte, soll Halāl essen.“ Der Preis für ein Schulessen liegt bei 3,50 Euro, ungefähr, und was meine Kinder da vorgesetzt bekommen ist nicht selten eine Frechheit. Nudeln mit Tomatensoße erscheint den Cateringfirmen wohl als gehobenes Sternemenü. Die sogenannten Lunchpakete, das was meine Kleinen essen müssen, wenn sie unterwegs sind, setzen dem Ganzen jedoch die Krönung auf. Darüber rege ich mich auf und nicht darüber ob das vertrocknete Würstchen Geflügel- oder Schweine„fleisch“ enthält.

Aber diesen Staat interessiert das nicht. Es ist nicht mein Staat, sondern ein Staat gegen mich. Er vertritt meine Interessen nicht, sondern die meines Chefs (der sich übrigens auch ständig beklagt – wie schlecht es ihm gehe, wie viel Stress er habe, dass er noch kaputt geht und doch nur mein Bestes wolle – der lebt nicht mit zwei Kindern auf 60 m² im Block, sondern etwas weiter um die Ecke, nicht mit Blick auf die Autobahn, im Einfamilienhaus) vertritt. Natürlich vertritt dieser Staat nicht nur die Interessen meines Chefs, sondern aller Chefs, allgemein, dieser kleinen Schicht von Leuten, die auf unsere Kosten in Saus und Braus lebt. Für uns interessiert sich der Staat nur dann, wenn wir aufmucken. Wenn sich in unseren Vierteln der Frust aufbaut über die Verhältnisse unter denen wir hier leben und arbeiten müssen. Dann geht der Staat nicht unsere Probleme an, sondern schickt solche Unruhestifter wie die AfD-Nazis, die uns auseinander bringen sollen. Die wollen uns in Einheimische und Ausländische einteilen und von einander trennen.

Das mit den angeblichen Islamisten ist nur eine Ablenkung. Und mir sind die Achis (und nebenbei bemerkt auch die Zeugen Jehovas) hier ernsthaft 1000 mal lieber als die Drogendealer und anderes Lumpengesindel. Das sind Leute, die unser Viertel kaputt machen und unsere Kinder vergiften. Gegen die müsste organisiert vorgegangen werden, aber mit denen lässt man uns hier allein.
Jeder soll glauben was er will oder es lassen. Mich interessiert das nicht sonderlich. Andere Sachen interessieren mich mehr, z.B. das Kopftuch als deutlichstes Zeichen der Unterdrückung der Frau in dieser Welt – aber sowohl die Jüdin, die Christin als auch die Muslima müssten ihren religiösen Vorschriften entsprechend ihre Haare bedecken. Darüber streite ich mich. Mit allen. Aber ich habe doch verdammt nochmal Respekt vor religiösen Menschen. Und in vielen wichtigen Punkten sind wir uns einig – die Religiösen und die Nicht-religiösen. Wenn wir nicht zusammen stehen, dann können andere – die Politiker, die Bullen, die Chefs – mit uns umspringen wie sie wollen. Das darf nicht sein, denn dann kriegen unsere Kinder weiterhin kein gutes Essen, sondern schlechtes. Dann bekommen wir weniger Lohn, schlechtere Arbeitsbedingungen, schlechtere Wohnungen und so weiter.

Darum fand ich das Flugblatt so gut, weil es mein Leben berührt. Darum schreibe ich das an die Rote Post, damit das noch mehr Leute mitbekommen. Kümmert euch um die Realität von denen für die ihr seid, oder ihr seid es nicht! Danke.


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