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Rote Post #43

Posted: Oktober 26th, 2021 | Author: | Filed under: Rote Post | Kommentare deaktiviert für Rote Post #43

 

Die gesamte Ausgabe als Download

 

 

BREMEN

 

Leiharbeit für die BLG – Ein Erfahrungsbericht

Wir veröffentlichen hier die Zuschrift einer Leserin über ihre ihre Arbeit im Lager der BLG Logistics Group (ursprünglich: Bremer Lagerhaus-Gesellschaft). Die BLG ist 1877 gegründet worden und seitdem stets eins der wichtigsten Unternehmen für den Warenumschlag in den Häfen von Bremen gewesen. Heute hat die BLG mehr als 100 Niederlasssungen auf allen fünf großen Kontinenten und in Bremen noch 6000 Beschäftigte, womit sie der drittgrößte Arbeitgeber der Stadt ist. Dort betreibt sie am einzigen Hafen im Stadtgebiet, wo noch Konsumprodukte umgeschlagen werden, im abgelegenen Güterverkehrszentrum (GVZ), wo noch einige weitere Logistikfirmen angesiedelt sind, das größte Hochregallager Europas, wo unter anderem die Ware von Tchibo ihren Hauptlagerplatz in Europa hat.

Vor ein paar Wochen wurde ich von einer Leiharbeitsfirma an die BLG vermittelt, um dort im Lager als Kommissioniererin zu arbeiten. Die BLG ist ein Seehafen- und Logistikdienstleistungsunternehmen mit internationaler Reichweite. Die Halle, in der ich arbeiten sollte, bearbeitet die Retourenlieferungen von Tchibo, und meine Aufgabe war es, die Pakete auszupacken, zu überprüfen und dann die Artikel zu scannen und in die dafür vorgesehenen Kartons zu packen. Was mir sofort auffiel, als ich in die Halle kam, war, dass ausschließlich Frauen an den Fließbändern standen und nur Männer die Gabelstapler bedienten. Das wurde mir dann auch auf meine Nachfrage hin von einer Mitarbeiterin erklärt, und zwar sei das so, weil zu der Aufgabe der Gabelstaplerfahrer gehört, dass die Kartons mit den Artikeln von den Plätzen eingesammelt werden und dafür muss man diese anheben können. Am Fließband muss man keine schwere körperliche Arbeit verrichten, also machen das die Frauen. Das zeigt, dass die BLG wohl der Meinung ist, dass man als Frau ein schwaches Wesen ist und nicht in der Lage, einen Karton mit Klamotten anzuheben. Doch ein weiterer Grund dafür ist auch, dass es dazu dient, die Arbeiter verschiedener Abteilungen zu trennen, um die Vereinigung der Arbeiter innerhalb des Betriebes zu verhindern. Eine der ersten Sachen, die man dort lernt, ist die Leistung, die man erbringen muss: 110 Artikel pro Stunde. Für jemanden, der so etwas noch nie gemacht hat, erst einmal kaum zu schaffen, doch auch wenn man irgendwann ein bisschen Routine darin entwickelt hat, verspürt man ständig diesen Druck und die Angst, wenn man nicht schnell genug ist, seinen Job zu verlieren. Oft versagt auch die Technik, sei es das Laufband, was mal nicht richtig funktioniert oder der Computer, der sich ständig aufhängt. Es gibt kaum eine Schicht, in der man kein Problem mit so etwas hat. Eine weitere Sache, auf die ich recht schnell hingewiesen wurde, war, dass, wenn man sich später als fünf Minuten nach Schichtbeginn einstempelt, einem eine halbe Stunde vom Lohn abgezogen wird. Ein Großteil der Leute dort ist jedoch auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen und hat somit keinen Einfluss auf die Pünktlichkeit.

Dann gibt es da noch den Raucherplatz neben den ausladenden LKW, wo man sich, nachdem man die ganze Zeit am Fließband gestanden hat, auf den Boden setzen kann, wenn man sich keinen eigenen Stuhl mitbringt. Natürlich muss sich jeder auf einem extra dafür aufgemalten Punkt befinden, um den Mindestabstand zueinander einzuhalten. Das ist vor allem seit der Corona-Pandemie der Fall, wo die Maßnahmen verschärft wurden, in dem man nun nicht mehr in größeren Gruppen rauchen kann, obwohl dies einer der wichtigen Orte zum Austausch der Arbeiter untereinander war. Der Unterstand, der sonst zum Raucherbereich gehört hat, ist seit Corona geschlossen.

Um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, wird man behandelt wie ein Verbrecher. Regelmäßig patrouillieren Security-Leute durch die Halle mit einem Kontrollgerät, welches, wenn ein Arbeitsplatz angescannt wird, entweder grün oder rot leuchtet. Leuchtet es Grün, ist alles okay, wenn es allerdings rot leuchtet, bedeutet das, dass man kontrolliert wird. Dazu gehört neben der Kontrolle des Platzes, an dem man arbeitet, auch die Kontrolle des Spindes, wo die persönlichen Sachen durchsucht werden, bis hin zur Abtastung. Dass man in der Halle nur eine durchsichtige Tasche tragen darf, ist klar, und sollte man einen Tchibo-Artikel tragen, geht das nur mit Kaufbeleg. Aber das ist der BLG noch nicht genug Kontrolle. Wenn das Gelände nach Schichtende durch das Drehkreuz verlassen will, passiert es regelmäßig, dass ein Kontrolllämpchen leuchtet und man nicht durch das Drehkreuz kommt. Dann muss man durch den Security-Container direkt daneben gehen, wo dann die Taschen kontrolliert werden.

Einen wesentlichen Punkt bei dem Ganzen spielen die Leiharbeitsfirmen, über die die meisten, außer ein paar Festangestellte, an die BLG vermittelt werden. Der tarifliche Mindestlohn in dieser Branche liegt bei 10,45 Euro, und wenn man die nicht voll ausgezahlt bekommt, wird es knapp, wenn man eine Familie hat, für die man sorgen muss. Aus diesem Grund haben viele der Arbeiter noch einen zweiten Job, um überhaupt über die Runden kommen zu können. Dazu kommt, dass es für die Leiharbeitsfirmen immer möglich ist, das Geld einzubehalten, sollte man sich falsch verhalten. Man muss sich fast alles gefallen lassen und darf nicht aufmucken, sonst muss man befürchten, sein Geld nicht zu bekommen. Wenn man nicht zu den Festangestellten gehört, ist es außerdem sehr schwer, sich mit Kollegen während der Arbeitszeit anzufreunden, denn man arbeitet immer an unterschiedlichen Plätzen und auch die Pausen verbringt man mit unterschiedlichen Leuten. Dazu kommt, dass durchgehend die Leiharbeiter neu eingestellt und andere entlassen werden. Denn die BLG müsste seinen Leiharbeitern schon nach ein paar Monaten mehr Gehalt zahlen und nach einer gewissen Zeit die Leiharbeiter sogar fest anstellen. So steht es in dem Neuen Leiharbeitergesetz von 2018, welches den Leiharbeitern bessere Bedingungen schaffen sollte. Das hatte jedoch nur zur Folge, dass man als Leiharbeiter jetzt noch häufiger arbeitslos ist, denn nach ein paar Monaten, wenn die Gehaltserhöhung bevor steht, wird man einfach entlassen, denn warum sollte die BLG oder irgendein anderer Ausbeutungsbetrieb dir mehr bezahlen, wenn sie auch einfach einen neuen bekommen können?

Die Leute, mit denen ich dort arbeite, die sich jeden Tag aufs Neue diese Ungerechtigkeiten gefallen lassen, haben keine andere Wahl. Sei es der junge Mann, der aufgrund seiner Herkunft keine bessere Arbeit findet, die alte Frau, deren Rente nicht zum Leben reicht, oder jemand, der unter dem Vorwand der Pandemie aus seinem alten Job entlassen wurde. Und wenn man dann nach der Schicht mit dem Bus durch das GVZ fährt, in dem an jeder Haltestelle Arbeiter aus anderen Hallen einsteigen, ist klar, dass auch sie unter solchen Bedingungen ausgebeutet werden, egal von welchem Unternehmen. Doch man sieht auch die Wut der Leute, und, dass sie sich das nicht länger gefallen lassen wollen.

 


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