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Rote Post #3

Posted: April 1st, 2018 | Author: | Filed under: Rote Post | Kommentare deaktiviert für Rote Post #3


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HAMBURG

Teuer, eng, schimmelig – Wohnen in Hamburg

„Hamburg ist die schönste Stadt der Welt.“ – Ein Satz, den wohl jeder Hamburger kennt. Viele würden ihn unterschreiben. Tatsächlich bietet die zweitgrößte Stadt des Landes viele Annehmlichkeiten: Ausgedehnte Grünflächen und Parks, einen der größten Häfen Europas, mehr Brücken als Venedig … Alles Ergebnis davon, dass die BRD ein imperialistisches Land ist. Aber wie sieht es mit den Wohnungen aus, in denen Hamburger leben? Klar, die Hütten hier erscheinen im Gegensatz zu denen der dritten Welt wie schöne Häuser, trotzdem liegt hier einiges im Argen.

Kleine Wohnungen

Im Vergleich der Bundesländer in Fragen der Größe der Wohnungen rangiert Hamburg auf dem letzten Platz. Damit steht Hamburg gegen den Trend, denn eigentlich – so die vergleichende Erhebung eines bekannten Preisvergleichportals weiter – haben Menschen im Osten Deutschlands im Schnitt ein Sechstel weniger Wohnraum zur Verfügung, als Menschen in den „alten Bundesländern“ der BRD. Mit einer durchschnittlichen Wohnungsgröße von 67,9 m² liegt Hamburg nur vor den zwei Großstädten Leipzig (67,3m²) und Köln (66,1m²).

Teure Wohnungen

Nun, sind die Wohnungen klein, dann sollte entsprechend auch weniger Miete gezahlt werden. Sollte man denken, ist aber nicht so. Eine Anfang März veröffentlichte Untersuchung der Hamburger Sparkasse (HASPA) hat ergeben, dass die Hälfte der Hamburger die Hälfte oder noch mehr ihres monatlichen Einkommens für Miete und Nebenkosten ausgeben müssen. Lediglich zehn Prozent der Befragten geben laut HASPA an, weniger als ein Drittel ihres Einkommens für Miete und Co. zu zahlen.

Das trifft besonders arme Menschen. Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung vom Herbst vergangenen Jahres offenbarte, dass mehr als eine Million werktätige Menschen in der BRD nach Zahlung der Miete für den Rest des Monats weniger als den Hartz4-Satz zur Verfügung haben. Der Ende 2017 veröffentlichte Mietenspiegel zeigt, dass jährliche durchschnittliche Mieterhöhungen von mehr als 2,5 Prozent in Hamburg zu Buche schlagen. Seit 2011 stiegen die Mieten demnach um rund 25 Prozent – wer hat in dieser Zeit schon derartige Lohnerhöhungen erhalten?

Obwohl es bekannt ist, dass der Kauf von Wohnraum mittelfristig günstiger ist als Miete, und der Staat ein Interesse daran hat, dass sich Menschen solche goldenen Ketten anlegen, sind die Preise dafür so hoch, dass die meisten, die es sich leisten könnten, vor einem Kauf von Wohneigentum zurückschrecken.

Obdachlosigkeit

Im Jahr 2009 wurden offiziell Zahlen erhoben, wie viele Menschen in Hamburg obdachlos sind. Damals erfasste die Statistik rund 1.000 Personen. Auch dieses Jahr wurde eine solche Zählung durchgeführt. Das Ergebnis sind 2.000 Obdachlose – eine Steigerung von 100 Prozent. Wie viele Menschen tatsächlich auf den Straßen und unter den Brücken Hamburgs leben, wird durch solche Zählungen nicht exakt erfasst. Sicherlich sind es mehr, als diejenigen, die an solchen Befragungen teilnehmen. Die Verdopplung dürfte jedoch auch für die Dunkelziffer gültig sein. Dabei ist Obdachlosigkeit vermehrt ein Problem von Arbeitsmigranten aus Südost Europa. Diese haben keinen Anspruch auf Hilfsleistungen und landen dementsprechend häufiger auf der Straße.

Genau mit solchen Problematiken wird richtig Geld verdient. Unlängst sorgte ein Fall in Bergedorf für Aufsehen. Dort waren in einem Altbau mit neun Wohnungen 138 Personen gemeldet, darunter 61 Kinder. Tatsächlich haben dort 160 Menschen gelebt. Damit gab es für jeden Bewohner nur knapp 8m² Platz in dem Haus. Die Menschen, die dort wohnten, kommen aus Bulgarien und Rumänien, sie haben das Haus in Eigenleistung saniert, mit Ausnahme einer Gastherme, aus der Kohlenmonoxid austrat, auch elektrische Leitungen lagen offen. Die Leute hatten eine Gemeinschaftstoilette eingerichtet. Mittlerweile wurde das Haus teilgeräumt. Es gibt nämlich ein sogenanntes „Wohnraumschutzgesetz“ wonach jedem Mieter mindestens zehn Quadratmeter zur Verfügung stehen müssen. Für eine Familie mit zwei Kindern sollen nach Ansicht der gesetzgebenden Autoritäten der BRD also 40 m² ausreichen. Welch ein Hohn!

Schimmel und mehr

Ein ganz alltägliches Problem, welches sich hinter den unzähligen Rotklinkerfassaden Hamburgs verbirgt, ist Schimmel. In vielen Wohnungen ist baulich nicht genügend Belüftung vorhanden. Trotzdem findet eine ordentliche Schimmelsanierung kaum statt. Entweder entziehen sich die Vermieter ihrer Verantwortung, in dem sie sich auf eine Rechtslage stützen, die besagt, dass wer eine verschimmelte Wohnung ohne Vorbehalt anmietet, für die Beseitigung des Schimmels verantwortlich ist. Eine andere gängige Methode ist es, den Mietern vorzuwerfen, sie würden sich grob fahrlässig verhalten, etwa weil Mobiliar an den Wänden einen Mindestabstand von diesen nicht einhalten würde.

Mitunter reagiert ein Vermieter nicht einmal dann, wenn ihm eine Mietkürzung angedroht wird. So hilft man sich im do-it-yourself-Verfahren. Kauft teure Mittelchen, die kaum helfen, tapeziert und streicht die betroffenen Räume, nur um ein halbes Jahr später festzustellen, dass das alles nicht geholfen hat. Der Schimmel sitzt im Gemäuer, da kann man sich als Mieter gehackt legen. Derweilen blüht der Schimmel und die Menschen werden krank – teils schwere Erkrankungen der Atemwege, Allergien, Haut- und Augenkrankheiten, Konzentrationsstörungen, Muskelschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden usw., meist chronisch, weil der Vermieter Geld sparen will.

Die Verwaltung eines Objekts in der Wandsbeker Schwarzlosestraße ist dafür ein gutes Beispiel. Die Gasheizkörper sind steinalt, teilweise offenbar undicht. Wenn der Wind draußen zu stark geht, dann geht die Flamme im Brenner der Heizung aus, weil die Fenster äußerst undicht sind. Die Nutzung der Heizanlage ist ganz offenbar lebensgefährlich. Das hat auch der Schornsteinfeger bestätigt. Dieser verweigerte sogar eine Wartung der Heizanlage; Die Heizung sei nicht mehr zugelassen. Die Konsequenz, die die Verwaltung vorschlägt: Heizung nicht einschalten, auch nicht bei Minustemperaturen im Winter. Das Ergebnis sind Temperaturen um die 5 Grad in den Wohn- und Schlafräumen. Wenn einem das nicht gefällt, dann solle man sich eben eine andere Wohnung suchen – so die Verwaltung.

Dazu kommt, dass diverse Decken abgesackt sind. Teilweise kann man in den Räumen nicht mehr gerade stehen. Im ganzen Haus gibt es in den Sanitärbereichen massiven Schimmelbefall. Außerdem wird die Müllentsorgung nicht ordentlich erledigt, was dazu führt, dass es im Innenhof von Ratten nur so wimmelt.

Sanierung

Wenn dann doch saniert wird, dann wird es teuer. Krasse Mieterhöhungen sind die Regel nach Baumaßnahmen – egal welcher Art. Aber zunächst wohnt man in einer Baustelle, denn Ersatzwohnungen gibt es nur dann, wenn alles andere ausgeschlossen worden ist. Lärm und Dreck verursachen zusätzlichen Stress.
Auch Ersatzwohnungen sind nicht das Gelbe vom Ei, zumindest dann nicht, wenn man bei der städtischen Saga mietet. Ein ansehnliches, aber mietenmäßig günstiges Haus in Altona wurde zunächst entmietet. Von 2013 bis 2016 wurden alle Mieter mit Drohungen und Schikanen von der Saga dazu gedrängt in andere – teurere – Wohnungen umzuziehen. Die ehemaligen Mieter mussten in Wohnungen, die mehr als 50 Prozent mehr kosten als ihre ehemaligen Wohnungen. Was der genaue Plan der Saga ist, erscheint ungewiss. Eigentlich sollte bereits 2014 mit dem Bauen begonnen werden. Nichts ist passiert. Nächster Termin für den Baubeginn ist frühestens im Herbst diesen Jahres.

In einem anderen Haus in Altona wird gebaut. Sanierung für eine höhere Energieeffizienz und Modernisierungen verschiedener Art. Das ganze läuft seit Jahren. Was gebaut wird entspricht aber mit einem Male nicht mehr den entsprechenden Richtlinien und Verordnungen oder der Brandschutz ist nicht gewährleistet. Dafür funktioniert die Klingelanlage mal für ein halbes Jahr nicht. Es gibt nur einen behelfsmäßigen Zugang zum Gebäude über eine eilig zusammengeschusterte Holzkonstruktion. Auch hierbei handelt es sich um ein Objekt der Saga.

In einem etwas entlegeneren Teil von Billstedt plant die Saga noch. Sanierung der Sanitärräume. Neue Toiletten, Duschen und so weiter. Noch vor Baubeginn kam jedoch bereits die Ankündigung einer Mieterhöhung. So hoch, dass das Wohngeld dafür teilweise nicht mehr ausreicht und die Leute draufzahlen müssen, teilweise so hoch dass die Leute ausziehen müssen. Einspruch dagegen einzulegen erscheint aussichtslos. Die Saga und die Stadt gehen Hand in Hand.

Der Kampf der Mieter muss organisiert werden mit direktem Anlass, gegen diese Zustände zu kämpfen und verbunden werden mit dem Kampf um die politische Macht.


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