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Rote Post #6

Posted: Juli 1st, 2018 | Author: | Filed under: Rote Post | Kommentare deaktiviert für Rote Post #6

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HAMBURG

Duschen im Sonnenland

Was klingt wie ein Bericht über eine Erfrischung im Sommerurlaub, beschreibt eine völlig andere Situation. Es ist Juli, und das Thermometer zeigt die heißesten Tage des Jahres an. Weit über 25 Grad im Schatten. Tage, an denen einem der Schweiß nur so runter läuft und man sich nach einem harten Arbeitstag nichts mehr wünscht, als unter der Dusche zu stehen. In der Siedlung Billstedt Sonnenland ist das nicht so einfach. Denn, im „Sonnenland“ sind seit geraumer Zeit Duschcontainer aufgestellt, weil es Stadt und SAGA (ein Unternehmen, das vollständig der Stadt Hamburg gehört und zeitgleich der mit Abstand größte Vermieter in Hamburg ist, mit im Jahr 2017 fast 1 Milliarde Umsatz und 200 Millionen Profit bei über 130.000 Mietwohnungen) nicht hinbekommen, notwendige Reparaturen an beschädigten Gas-Rohrleitungen vorzunehmen. Dadurch haben die anliegenden Wohnhäuser kein Heißwasser. Auch die Heizungen fielen deshalb aus, was aber im Moment noch kein Problem ist.

Zwischen den Plattenbauten im Sonnenland stehen Duschcontainer. Weil alle Duschen gerade leer zu sein scheinen werfen wir einen Blick hinein: geschätzt maximal 1,5mx1,5m Platz pro Person. Zwei kleine Haken für die Klamotten. Wie soll man sich hier umziehen? Erst recht wenn man alt, krank oder behindert ist? Oder morgens, wenn man wieder überpünktlich los muss, aus Sorge vor Stau oder verspäteten Bahnen, um nicht wieder vom Chef angeschnauzt zu werden? Die Kabinen sind so aufgebaut, dass von einer in die andere hinüber gespäht werden kann, sobald man sich auf die Zehen stellt.

Die Kabinen schließen oben nicht bis an die Decke, und unten nicht bis zum Boden. Einem Schild nach sollten nur Frauen neben Frauen Duschen und die Männer die hinteren Kabinen benutzen. Die Kabinen sind also nicht nur äußerst klein gebaut, sondern auch unsicher und öffnen in unser patriarchalen Welt Spannern und anderen Arschlöchern Tür und Tor, Frauen beim Duschen zuzusehen!

Ein Mann steht an seinem Auto und legt Werkzeug in den Kofferraum. Wir begrüßen ihn freundlich und fragen ihn, ob er von den Maßnahmen betroffen ist. Er bejaht unsere Frage und beginnt zu berichten, dass bereits seit mitte Juni – also gut einem Monat – kein Heißwasser mehr verfügbar ist. Nicht nur ist man überrascht worden von den Reparaturmaßnahmen, sondern hat auch insgesamt kaum Informationen erhalten. Mehr als einen kleinen Aushang im Treppenhaus hat man bislang nicht zu Gesicht bekommen. Doch die größte Dreistigkeit stellt die Tatsache dar, dass niemand weiß, wie lange die Bauarbeiten an den geplatzten Rohren noch andauern wird. Auf unsere Nachfrage, ob sich denn irgend ein Politiker oder Verantwortlicher mal zu Wort gemeldet hat, verneint der Kollege. Für uns jedoch kaum überraschend: denn noch nie haben wir erlebt, dass bürgerliche Politiker wirklich die Interessen und Sorgen der Massen berücksichtigen und die Nöte der Menschen ernst nehmen. Das Wochenblatt Billstedt ist die einzige Zeitung, die über die Lage berichtet hat. Laut ihm seien rund 279 Wohneinheiten betroffen – erzählen wir dem Anwohner. Doch dieser lacht nur kurz auf. In Summe meint er, dass wohl weit über 1000 Nachbarn diese Situation erleiden müssen und auf die Notmaßnahme angewiesen wären. Und wer weiß das wohl besser, als jemand der direkt vor Ort lebt und die Lage kennt? Doch einen Journalisten der bürgerlichen Presse hat man hier sowieso noch nicht gesehen – niemand von offizieller Seite interessierte sich für die Lage vor Ort.

Wenn man sich die Erklärung des SAGA-Sprechers zu dieser Sauerei durchließt, merkt man, wie diese Leute uns für Fußvolk und lästige Anhängsel der wertvollen Immobilien wahrnehmen. Obwohl die SAGA noch immer nicht einmal weiß, wann sie vor hat, die Reparaturen abzuschließen, erklärt sie: „etwaige Mietminderungsbegehren werden nach Abschluss der Arbeiten geprüft“. Was soll das bedeuten, etwaig? Über Wochen bekommen die Anwohner im Sonnenland kein Warmwasser, aber ob deshalb gütigerweise die Miete verringert werden könnte, muss erst geprüft werden? Eine Frechheit ohnegleichen.

Einige Meter weiter steht ein Ehepaar an ihrem Auto und bereiten sich scheinbar zur Abreise vor. Wir sprechen sie ebenfalls an und fragen, ob auch sie von der Situation betroffen seien und falls ja, sie uns darüber berichten würden. Sichtlich erfreut, jemandem mal die Geschichte erzählen zu können beginnt die Frau sofort zu sprechen: Eines Tages haben im Treppenhaus Bekanntmachungen ausgehangen, auf denen stand, dass Reparaturmaßnahmen an den Rohren zu tätigen seien. Ein Termin für das gesamte Haus wurde bereits festgemacht und alle Anwohner hätten sich dafür frei zu nehmen. Am besagten Tag aber ist niemand von der Verwaltung gekommen! – erzählt die Anwohnerin erbost. Man muss sich das nur vorstellen, alle haben zu arbeiten, und dann nimmt man sich frei, und niemand kommt?! Weder eine Entschuldigung von offizieller Seite, noch eine Erklärung, aber einen neu ausgehängten Termin später kommt dann doch noch ein Handwerker und wird an die Leitung gelassen. Kurz darauf entgegnete dieser der Frau, ob sie denn noch mal duschen wolle, er würde nämlich in Kürze das gesamte Wasser für alle abdrehen. Überrascht und verwirrt fragte die Anwohnerin noch mal nach, denn darüber, dass das Wasser abgestellt würde, ist weder sie noch sonst wer unterrichtet worden! Erbost über diese Ignoranz entgegnet sie uns, dass es ja nicht sein könne, wie mit dem Problem umgegangen werde. Ich hake nach, und möchte wissen wie es denn z.B. um den Abwasch bestellt ist, schließlich hätten wir in Hamburg gerade Temperaturhöchstwerte, sodass nicht abgewaschenes Geschirr zum Beispiel sehr schnell schimmeln wird. Doch dafür ist keine Lösung bereitgestellt worden. Man müsse gucken wie man damit zurecht käme, und Wasser habe man halt nur kalt.

Nun meldet sich der Ehemann zu Wort: Die Rohre seien durchgerostet, meint er. Als damals in Hamburg das Hochwasser alles überschwemmte sind auch die dortigen Rohre wohl nicht verschont geblieben. Alles hätte danach grundsaniert werden müssen, aber das hat natürlich bis heute keiner gemacht. Daher war es nur eine Frage der Zeit bis die Rohre irreparable Schaden nähmen, meint er. Auch die Frau ist der Ansicht, dass es der SAGA wohl einfach zu teuer sei die Sanierungsarbeiten richtig anzugehen: nur zwei Rohre würden pro Woche ausgetauscht! Alles eine Frage des Geldes – meint sie. Und dann wird die Arbeit bestimmt auch noch zu den billigsten Preisen vorgenommen. Kein Wunder also, dass das alles so lange dauert. Der Enttäuschung Luft machend meint sie auch, die SAGA versprach täglich mehrmalige Säuberung der Kabinen – aus nachvollziehbaren Gründen bei diesen Temperaturen und vielfacher Benutzung unterschiedlichster Menschen. Aber nichts! Wieder nur leere Worte und Versprechen: wenn überhaupt würde pro Tag nur ein mal gereinigt, aber selbst dass sei nicht garantiert.

Wir sprachen dann noch mit einigen weiteren Anwohnern, und insgesamt berichteten alle das Selbe: Informationsmangel durch die Stadt, Ignoranz der SAGA und unhaltbare Zustände, die Wut und Enttäuschung gegenüber den Verhältnissen weiter zuspitzen. Ich denke nach und überlege wie solche Reparaturen wohl in Blankenese angegangen würden. Dort, wo die Kleinbürger und die Bonzen wohnen, die direkt alles verklagen, wenn nur beabsichtigt wird eine Flüchtlingsunterkunft in ihre Nähe zu bauen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Stadt dort überhaupt auf die Idee kommen würde, Notduschen aufzustellen. Ein Heer von Arbeitern würde dort einmarschieren und in kürzester Zeit die Probleme beseitigen. Für mich ist es daher nur ein weiterer Beleg, dass Stadt und Kapital kein Interesse an würdigen Lebensbedingungen der am Meisten ausgebeuteten Massen hat. Sicherlich, ständen gerade Wahlen an, würde wieder irgend ein SPD-Politiker für ne halbe Stunde sein Gesicht im „Sonnenland“ zeigen und empört versichern, dass man die Probleme schnellstens gelöst bekomme. Doch zwischen den Wahlen sieht die Realität anders aus: „Sonnenland“ wird allein gelassen und gerade notdürftig versorgt.

Jeden Tag gehen die Menschen im Sonnenland unter der Herrschaft des Kapitals arbeiten. Hier leben Reinigungskräfte, Lagerarbeiter, Elektriker, Paketboten, Mechaniker und Straßenbauer. Jeden morgen füllen sie die U2, fahren durch die Stadt, und arbeiten damit jemand anderes reich wird. Und weil die Bonzen an unserer Arbeit reich werden wollen, werden auch nur diejenigen versorgt mit deren Bedürfnissen sich ordentlich Geld verdienen lässt. Diejenigen die arbeiten, haben nichts von ihrer Arbeit. In dieser Gesellschaft wird sich das auch nicht ändern. Die Lösung ist weiterhin, die Herrschaft der Bourgeoisie zu stürzen. Als eine Klasse gemeinsam die neue Gesellschaft erkämpfen.


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